Ampelmann

Im Schloß Bellevue gibt es für Normalsterbliche nichts zu essen, wenn man nicht grade zum Staatsempfang geladen ist oder vielleicht ein Sternsinger. Dennoch machen wir vor dem Frühstück einen kleinen Umweg in den Schloßpark, um Bundesmittelläufer Christian Wulff zuerst noch den Schuh zu zeigen.

Im Januar ist eine Demo in Berlin keine so angenehme Angelegenheit: regnerisch, kühl und windig. Das macht hungrig, wir[1] brechen daher bald zum Hack-Markt auf, nicht ohne vorher einen Spreeuferspaziergang durchs Regierungsviertel zu unternehmen.

wulff-demo

Wulff-Schuhdemo: kostenlos.

Politisch aufgeladen, kalauern wir schon beim Eintreten nicht unbeträchtlich: „Eben noch beim Hampelmann, jetzt sogleich im Ampelmann“. Denn Ampelmann heißt heute das Lokal unserer Wahl. Es befindet sich am Spreeufer, schräg gegenüber der Museumsinsel in den S-Bahnbögen unterhalb des Bahnhofs Hackescher Markt. Das Frühstücksangebot können wir leider nicht mehr testen. Es wird seit kurzem zwar statt bis 12 Uhr jetzt bis 13 Uhr offeriert, aber wir verfehlen diesen Zeitpunkt doch erheblich.

Im Ampelmann werden Pizza und Brot selbst gebacken, wie uns die Karte verrät. Das frische Brot kosten wir doch gern:

wasser und brot

Wasser und Brot zum Anfüttern: kostenlos.

Der Brotkorb wird zusammen mit Leitungswasser gereicht, dazu kleine Weingläser. Wir bestellen zunächst verschiedene Kaffee- und Teevarianten: Cafe Latte (3,20 Euro), Latte macchiato (3,20 Euro) Roibos Vanilla (Kännchen: 4,20 Euro) und Pfefferminztee (Tasse: 3,20 Euro) .

Roibos-Tee

Tee Roibos Vanilla: 4,20 €.

Und wir haben wieder einen dieser Vorspeisen-Spielverderber dabei. Man sitzt da hungrig und hat sich nach langem Ringen etwas ausgewählt, alle bestellen nacheinander ihr Gericht – und dann passiert es: naros ist der Letzte in der Reihe und wünscht sich eine Vorspeise zu seinem Hauptgericht. Alle anderen wissen nun, daß die Zeit, bis sie etwas zu beißen haben, exorbitant verlängert ist. Zudem muß man ihm beim Essen zugucken. Eine Vorwarnung wäre nett gewesen, zumal eine nach gebratenem Speck duftende Speise serviert wird:

Schafskaese

Gebratener Schafskäse im Speckmantel an pikantem Mango-Chutney: 8,50 €.

Wir haben es ihm verziehen. Dafür wird er umfassend zu seiner Vorspeise befragt. naros gibt an, daß der Schafskäse durch die Beigabe von Rauke im beiliegenden Salat mit Zitronen-Vinaigrette erfreut. Er schmeckt gut, sagt naros, dennoch hätte ein Kuh-Käse statt Schafskäse wohl besser gepaßt.

Frau Knöpfchen bekommt wenig später die Pizza Bresaola:

pizza bresaola

Pizza Bresaola: 11,50 €.

Die Pizza ist üppig mit Mozzarella, Bresaola, Walnüssen und Parmesan belegt. Bresaola ist übrigens Schinken vom Rind, wie die stets freundliche Kellnerin erklärt. Das Timing der Bedienung gefällt uns: Es wird nicht gedrängelt, sie läßt uns aber auch nie warten.

naros, der bereits den Schafskäse hinter sich hat, bekommt als Hauptgang Nudeln:

orechiette

Orechiette mit Hähnchenbrust für 10,50 €.

Orechiette sind hütchenförmige Nudeln, die naros sehr gut schmecken. Uns umhüllt beim Essen eine leicht hypnotisierende Kaufhausmusik, die dann und wann untermalt wird durch leichte, erdbebenartige Rüttelungen wegen der über uns fahrenden S-Bahn. naros erinnert das spontan an das früher oft gehörte Little Earthquakes.

Die Teller der Speisen sind alle ansprechend dekoriert, das Geschirr ist von schlichtem Design und wirkt robust. Auf die Servietten sei sogar ein Loblied gesungen: Sie sind zwar aus Papier, fühlen sich dennoch wie Stoff an, ein kleines Männchen ist auch aufgedruckt. Viele weitere Details im Restaurant erinnern an den Namen: überall Ampelmännchen, auf den Shirts der Angestellten, in den Toiletten, selbst auf den Zuckertütchen.

ampelmaennchen

Ampelmännchen, viele.

Das Ampelmännchen ist eines der wenigen Überbleibsel des DDR-Alltags, das im Straßenverkehr in Berlin noch vielfach präsent ist. Sonst hilft es, den Verkehr zu regeln, hier in der Speisekarte weist es auch den Weg zu den Essens- und Getränkeangeboten. Jede Seite der Karte ist mit einem anderen der Männchen markiert. Mit Hilfe eines neuen Gadgets kann hier ein kleiner Eindruck vermittelt werden:

ampelmaennchen

Das Ampelmännchen für Hauptgerichte.

Für den kleinen Hunger bestellt 46halbe die Tomatensuppe. Die aufmerksame Kellnerin serviert sie zusammen mit den Hauptgerichten:

tomatensuppe

Provenzialische Tomatensuppe für 5,50 €.

Die Suppe ist mit Crème fraîche und Basilikum abgerundet, schmeckt gut, aber etwas langweilig. Die Crème fraîche will sich nicht recht auflösen, entfaltet daher ihren Geschmack nur teilweise.

Kai hat sich für die Schweinemedaillons entschieden:

schweinemedaillons

Schweinefilet für 14,50 €.

Die drei Filetmittelstückchen werden mit Rübchenpüree und Bratenjus an Kartoffelgratin gereicht. Kai meint, es würde nach Weihnachten schmecken. Das mag am Lebkuchengeschmack liegen, den die Soße hat. Wir haben Zimt, Kardamom, Ingwer und weitere Multikulti-Gewürze im Verdacht.

Zwei Gierige unter uns bestellen auch einen Nachtisch. naros, der schon den Schafskäse UND die Orechiette verdrückt hat, genehmigt sich einen in der Karte als Pfannkuchen firmierenden Eierkuchen:

mit heidelbeeren

Heidelbeer-Pfannkuchen mit Vanilleeis und Ahornsirup für 7,50 €.

46halbe kann bei der Kuchenvitrine nicht widerstehen, sie bestellt einen Apfelkuchen.

mit heidelbeeren

Die normannische Apfeltarte für 3,80 €.

Bei diesem Apfelkuchen aus Mürbeteig mit auffälligem Zimtgeschmack kann nicht abschließend geklärt werden, was daran normannisch ist, nach Angaben von 46halbe mundet er ihr jedenfalls. Auch der dazu bestellte frisch gepreßte Orangensaft (4,50 Euro für 0,2 Liter) und der Espresso (zwei Euro) können überzeugen. Die schöne Espresso-Tasse mit dem Ampelmännchen gefällt ihr, der Inhalt hätte allerdings etwas heißer sein können.

Es ist gemütlich, man könnte sich hier fast festsitzen. Doch es scheint, daß wir den Mangeltag des Restaurants erwischt haben. Unvermittelt werden alle Tische umgeräumt, weiße Tischdecken aufgelegt, Stühle gerückt. Vermutlich findet abends eine geschlossene Veranstaltung statt. Das Stühlerücken mahnt uns zum Aufbruch.

In Anlehnung an unsere Demo dichtet naros kurz vor dem Gehen und frei nach dem Schlußsatz des grünen Ampelmännchens im DDR-Verkehrskompaß:

So ist’s richtig, so ist’s schön,
freundlich zeig ich meinen Schuh.
Mach schon Wulff, du kannst jetzt geh’n.
Komm gut heim und gib uns Ruh‘.

Hingehen sollten alle, die ein kuschliges künstliches Feuer hinter Glas genießen möchten, am Hack-Markt nicht ganz billige, aber qualitativ gute Nahrung suchen oder die einen besonderen Service im Ampelmann ausprobieren wollen: Ein Velo-Taxi kutschiert geneigte Gäste zum nahegelegenen S-Bahnhof oder zum Auto.

Ampelmann
am Monbijoupark, Stadtbahnbogen 159-160, 10178 Berlin
Tel. (030) 84 71 07 09
Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe, naros, Kai und Frau Knöpfchen als Testesser dabei. []

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Schokoladniza

“Мы недосчитываемся денег!” – Unbenannte Gäste, 2011

Eigentlich heißt das Lokal Шоколадница, aber da wir[1] wissen, daß nicht mehr jeder kyrillisch lesen kann, wollten wir eine gefälligere Überschrift wählen. Das Шоколадница sieht ohnehin deutlich verwestlicht aus, keine Reste mehr davon zu sehen, daß die Caféhaus-Kette sowjetische Wurzeln hat. Auch wenn Tischlinnen fehlen, das ganze Interieur erinnert an amerikanische Ketten. Die Kellner sind jung, uniformiert, servil und zahlreich. Eine bei uns schon vergessene Frage wird beim Plazieren am Eingang gestellt: Raucher? Denn in Moskau gibt es noch Raucherbereiche, hier in der oberen Etage. So experimentierfreudig sind wir aber dann doch nicht.

Wer also vollkommen entkoffeiniert durch die Stadt läuft, kann entweder den 24-Stunden-Lieferservice nutzen oder es uns gleich tun und in eine der an jeder Straßenecke befindlichen Filialen einkehren. Wir wählen in der altehrwürdigen Ecke von Moskau – Китай-город – die Filiale vor allem wegen des Straßennamens: Солянка.

aussenansicht

Außenansicht Шоколадница.

Es gibt aber keine Soljanka, es muß erstmal ein kühles Getränk her, denn der Juli ist der heißeste Monat in Moskau. Im Шоколадница werden wir beim Durchsehen der Karte auf angenehme gefühlte zwanzig Grad runtergekühlt. naros ordert eine hausgemachte klassische Limonade: Лимонад домашний классический. Sie bewirkt einen unmittelbaren Zuckerschock, der aber durch Umrühren gemindert werden konnte.

limonade

Klassische hausgemachte Limonade, 320 ml, 199 Rubel.

Die russischen Karten zeigen eine Besonderheit: Die Getränke werden mit genauer Angabe der Milliliter versehen, das Essen wird in Gramm ausgezeichnet. Wir wollen die gereichten Mengen also nicht verschweigen. 199 Rubel sind übrigens derzeit etwa fünf Euro, also durchaus ein stolzer Preis für den gemeinen Moskauer, der durchschnittlich sechshundert Euro im Monat verdienen soll. Möglicherweise sollte man die Angaben zum Durchschnittseinkommen in Moskau aber nicht für bare Münze nehmen, denn wir beobachteten überall gut gefüllte Lokale, und aufgrund der Gespräche in russisch ist anzunehmen, daß es sich nicht um ausländische Touristen handelte.

shake

Milchshake „Süßer Traum“, 280 ml, 199 Rubel.

Aus irgendeinem nicht mehr nachvollziehbaren Grund erregt das Getränk Сладкая мечта das Interesse von 46halbe. Schon rudimentäre Russischkenntnisse zeigen, daß es sich um einen Milchshake mit Eis handeln muß, dazu getrocknete Aprikosen und Vanillesirup. Die Konsistenz des Gemischs ist dergestalt, wie man es als Kind schon haßt: voller Stücken, Krümel und nur sehr zähfließend. Das mit dem Trinkhalm ist sicher gut gemeint, erweist sich jedoch als nicht praktikabel. Die Aprikosenstücken kleben schon nach drei Millilitern fest im Halm. Aber ein Löffel tut es ja auch. Es bleibt die Frage, ob es nicht richtiger gewesen wäre, wie bei Speisen üblich eine Gramm- statt eine Milliliterangabe auf die Karte zu drucken.

blinschiki

Plinsen mit Schokolade, 180 g/15 g, 199 Rubel.

Was die dem nachmittäglichen Frühstück angemessene Nahrung betrifft, entscheiden sich naros und 46halbe unabhängig voneinander für die Блинчики „Шоколадница“, obwohl auch klassische Frühstücke im Angebot sind. Die Plinsen sehen tatsächlich aus wie auf dem Werbefoto, mit hübsch anzusehenden Schokoladenmustern, -füllung, Rosinen und Kokosraspeln. Fraglich bleibt, für welchen dieser Bestandteile die Angabe von fünfzehn Gramm gilt. Bei den Rosinen teilen sich die Meinungen der Tester, 46halbe besteht darauf, daß dies schlecht gewordene Trauben seien. Insgesamt aber können die Plinsen überzeugen und sind innerhalb weniger Minuten verzehrt.

Während wir mit russischer Popmusik bei laufenden Fernsehern beschallt werden, muß der Kaffee getestet werden. Sind hier Kurpfuscher am Werk oder echte Kaffeenerds? 46halbe bestellt einen Капучино. In westlicher Manier wird er mit Herzchen-Muster gereicht, allerdings ohne die hierzulande üblichen widerlichen Kekse und ohne Wasser. Geschmacklich erhält er eine gute Note, aber keine sehr gute.

cappuccino

Cappuccino, 250 ml, 179 Rubel.

Als wir uns dann entspannt die Rechnung geben lassen wollen, müssen wir mit Entsetzen feststellen, daß unsere Rubel knapp geworden sind. Wir sehen uns schon in einem russischen Kittchen. Doch die Frage nach der Kartenzahlung wird zum Glück bejaht. Ein bißchen Spaß soll die Kreditkartenfirma ja auch haben, wenn die anomalieerkennenden Algorithmen eine plötzliche Kartenbenutzung in Rußland detektieren. Die 975 Rubel (ohne Trinkgeld), also etwa 25 Euro, haben wir gern bezahlt.

Hingehen sollten alle, schon weil das Шоколадница in Moskau ist, und diese Stadt unbedingt eine Reise wert ist. Wir empfehlen also den Lesern die ansprechende russische Gastfreundlichkeit. Die Солянка ist übrigens unweit des Kreml und nur einen Steinwurf von dem ehemaligen Standort des berühmten Hotels Россия, das leider vor einiger Zeit abgerissen worden ist und nur noch eine große Baugrube hinterlassen hat.

Шоколадница
ул. Солянка д.1/2, 101000 Москва
Telefon: +7 495 / 628 70 11
Webseite des Шоколадница

  1. naros und 46halbe bereisen die große, weite Welt. []

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Karvana

“Quieta non movere!” – Bismarck, 1891

Kaiserwetter in Berlin, das lädt auch kleine Kaiserinnen zum Frühstücken ein.[1] Dem Besuch im Karvana war allerdings ein merkwürdiger Mißerfolg vorausgegangen. Die Tester hatten sich zunächst die Turnhalle zum morgendlichen Verzehr leckerer Speisen ausgesucht. Allerdings mochten die Kellnerinnen einfach keine Notiz von den ausgezehrten Gestalten nehmen, die nach Koffeinhaltigem und Nahrhaftem lechzten. Nach zwanzig Minuten des Wartens, in denen nicht mal eine Speisekarte den Weg zu unserem Tisch fand, gaben wir voller Mitleid mit den anderen Gästen auf.

Das eigentlich Lustige passierte aber nach unserem Entschluß, eine andere Nahrungsquelle aufzusuchen: Die Kellnerin wollte wissen, ob wir den Inhalt der benutzten Tassen, die von unseren Vorgängern noch auf dem Tisch gestanden hatten und nicht abgeräumt worden waren, nicht bezahlen wollten. „Haben Sie da hinten an der Ecke gesessen?“, rief sie uns hinterher. Mehr als ein mildes „Wtf?“ fiel uns dazu nicht ein.[2] Wir trabten von dannen, Friedrichshain hat schließlich mehr als ein Frühstückslokal in petto.

kaffee+bluemchen

Milchkaffee, wirklich groß, mit leckerem Keks: 3,20 Euro.

Also ziehen wir Richtung Gärtnerstraße ins Karvana, um unseren Kaffeedurst zu stillen. Dort ist es drinnen leer, kein einziger anderer Gast stört die Ruhe. Da es draußen ein paar Stühle und Tische gibt, verlustigen sich alle dort. Der Blick in die Karte zeigt zwar wenig Auswahl, dafür hat sie aber ein seltenes Feature: ein Inhaltverzeichnis.[3] naros zögert nicht lange und wählt das gemischte Frühstück. Die Lieferung dauert eine Weile, dafür entschädigt aber der erfreuliche Anblick:

gemischtes fruehstueck

Gemischtes Frühstück: 7,50 Euro.

Ein interessant schmeckender Hartkäse mit Pistazien findet sich auf dem Teller, dazu sehr frische Baguette-Salami. Diese neigt in der Regel dazu, nach fünf Minuten Luftkontakt ranzig zu wirken und schmalzig zu werden. Es gibt Karmapunkte dafür, daß sie keineswegs ranzig schmeckt. Ein äußerst frisches Ciabatta-Brötchen, das nicht im Backofen aufgetaut wurde, macht den Tester froh. Das einzige ein wenig Negative ist das leicht trockene Brot.

Der Sauerrahm ist aufgeschlagen, was zu einem weiteren spontanen „Daumen hoch“ bei naros führt. Außerdem gibt es mindestens sechs verschiedene Obstsorten, darunter die berühmt-berüchtigten Johannisbeeren, für deren Vor- und Nachteile wir dringend auf einen anderen Frühstückstest verweisen wollen. Viel Gemüse und Salat liegt auch auf dem ansehnlichen Teller, dazu Rauke. Der EHEC-Hype ist zum Zeitpunkt des Karvana-Besuchs noch nicht losgebrochen, müssen wir wohl hinzufügen. Übrigens, Rauke – das möchten wir an dieser Stelle betonen – muß einfach überall rein.

Dazu ordert naros ein „ganz großes“ Wasser. Das nimmt die Kellnerin wörtlich und bringt ein Bierglas voller kühlem Naß mit der Entschuldigung, daß die größten Wassergläser nur 0,4er seien. Das gibt erneut Karmapunkte von den Testern, auch für den moderaten Preis von zwei Euro. Fotographisch konnte es nur schwer festgehalten werden, da es sogleich verdunstete.

Die Wahl von 46halbe fällt auf das Putenbrust-Sandwich mit einem frisch gepreßten Orangensaft. Während des Wartens auf die Leckereien lohnt ein Rundgang durchs Karvana: Es locken in einer einladenden Auslage Zotter-Schokolade und eine verführerische Torten-Vitrine. Es warten außerdem Zeitschriften in großer Auswahl und eine einzelne Zeitung (Berliner), die sich 46halbe kurzerhand greift, um sich an allen Neuigkeiten zu Heuschreckenfirmen und zur Atommisere zu delektieren, laut kommentierend natürlich, sind ja keine anderen Gäste da. Die Zeitung bietet zusätzlich ein hochgeschätztes Quiz, das naros zur Zufriedenheit löst.

putenbrust-sandwich

Putenbrust-Sandwich: 3,50 Euro.

Leider muß 46halbe zu ihrem Verdruß etwas länger warten. Allgemein wird eine unterschiedliche Anlieferzeit zweier Frühstücke nicht gern gesehen. Der äußere Anschein des schnöden Toast flößt auch nicht eben Hochgefühle ein. Dafür aber ist der Toast leicht angebräunt und geschmacklich insgesamt nicht zu beanstanden.[4]

stimmung im lokal

Eindruck der Illumination und Dekoration drinnen.

Die Kellnerin schenkt uns kaum Beachtung, was wir angesichts des nicht enden wollenden Zeitungsquiz aber kaum bemerken. Aber auch wenn wir die Bedienung kaum zu Gesicht bekommen, diskutieren wir mal grundsätzlich die immer jünger werdenden Service-Kräfte. Wann wurde eigentlich das letzte Mal eine Bedienung gesichtet, die über dreißig war? Wo hat ein Hotel noch einen Rezeptionisten, der so wirkt, als hätte er die Lebenserfahrung für etwas Diskretion und Empathie, der gar Auskünfte zum Kulturleben der gastgebenden Stadt erteilen könnte? Man kann sich vorstellen, daß wir mehr als ein Stündchen im Karvana zubringen, um das in Ruhe zu diskutieren..

Menschen, die etwas Ruhe und wenig Störungen suchen, sind im Karvana gerade richtig. Das Frühstück kostet für uns insgesamt 24,20 Euro, was dem Lokal ein durchaus akzeptables Preisniveau bescheinigt. Hingehen sollten auch alle, die Kaffeeweiterbildungen und Verkostungen schätzen, gern zu Lesungen gehen und die einen Sinn für formschöne Gabeln pflegen!

Karvana, Gabriel-Max-Str. 4, 10245 Berlin
Tel. 0178 – 34 33 256

  1. Das Karvana wurde inbrünstig von 46halbe und naros begutachtet. []
  2. Wir haben eine Theorie: Wir gehen davon aus, daß wir an diesem Tag temporär unsichtbar waren. Ähnliches passierte uns nämlich mehrfach. []
  3. Kleiner Nachteil: keine Seitenzahlen. []
  4. Ab jetzt sind wir wieder temporär unsichtbar. Selbst am Ende unseres Besuchs müssen wir eindringlich auf uns aufmerksam machen. []

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Goldberg

Um Gottes willen[1]! Wir waren anscheinend noch niemals zum Frühstück im schönen Neukölln! Aber das sollte sich an einem denkwürdigen Tag ändern, an dem das Goldberg in der Reuterstraße zum Treffpunkt[2] auserkoren wurden.

Schon der erste Eindruck schien alle Vorurteile, die man als satter Friedrichshainer so haben kann, bestätigen zu wollen. Vor dem Etablissement begegnete der Tester einer jungen Frau, die dem Aussehen nach mit dem BTMG[3] in Konflikt stand. Auch das Goldberg selber bot auf den ersten Blick eine sorgfältige Auswahl angegammelter Chiqué, einen recht modrig riechenden Nebenraum und einen Betreiber, der durchaus als Antagonist eines Horrorfilms gut ausgesucht wäre. Aber alles kam anders.

Kännchen Darjeeling im Goldberg

Kännchen Darjeeling 2,60 €

Der seltsame bleiche Mann in Hoodie und Sonnenbrille war nicht nur aufmerksam und freundlich, er brachte den Tee nach einer äußerst angemessen kurzen Zeit so, wie er sein soll[4]. Nicht nur das, der Tee schmeckte auch noch gut. Solchermaßen gut eingestimmt begab es sich, dass die zweite Versuchsperson alsbald auftauchte und sich von der Karte einen Milchkaffee bestellte, der auch prompt und in ebenso guter Qualität an den Tisch geliefert wurde.

Nun war es Zeit für das eigentliche Ziel der Goldbergbesteigung: Das Frühstück. Nach langem Überlegen und kurzer Entschlossenheit orderten die Expeditionsteilnehmer eines jener Frühstücke, das der Lokalität den Namen gab und eines jener Frühstücke, das seinen Namen den Menschen verdankt, die pünktlich um fünf Uhr einen Tee zu nehmen pflegen.

Frühstücke im Goldberg

Vorn: Goldberg (7,60 €). Hinten: Englisches Frühstück (6,50 €)

„Halt!“, rief da sofort der unsichtbare, aber dennoch stets anwesende Restaurantkritiker. „Wo ist denn der Bacon?“ Doch jene vorlaute Person verstummte sofort, als nur wenige Augenblicke später frisch angebratener Bacon wie von Zauberhand den Tisch erreichte.

Frischer Bacon im Goldberg

Frischer Bacon

Nach diesem Vorfall waren auch die letzten Bedenken ausgeräumt. Beide Mahle mundeten vorzüglich und wurden durch den Verzehr weiterer Heißgetränke, die stets schnell und wohlzubereitet kamen, obwohl sich der Laden mittlerweile merklich gefüllt  hatte, abgerundet.

Die Expedition war von der Qualität sogar so begeistert, dass sie sich – allen Bedenken zum Trotz – noch einen zweiten Gang in Form eines Stückes New York Cheesecake einverleibte.

Cheesecake & Heißgetränke im Goldberg

New York Cheesecake (2,80 €), Kaffee (1,70 €), Milchkaffee (2,50 €)

Der weitere Verbleib wurde nur dadurch unmöglich gemacht, dass dringende weitere Terminierungen durch einen andauernden Aufenthalt verhindert worden wären. Gerüchteweise soll sich das Goldberg im Laufe eines ganzen Tages als sehr wandlungsfähig erweisen. Von der durchaus empfehlenswerten Frühstückslokation, die für alle geeignet ist, die gut frühstücken wollen, metamorphiert der Laden in eine gemütliche Kneipe, in der man durchaus seine x Biere[5] in entspannter Athmosphäre zu sich nehmen kann.

Ob dem wirklich so ist, konnten wir wie gesagt nicht genau herausfinden, empfehlen aber den getreuen Leser das Goldberg schnell aufzusuchen, möglichst noch bevor das Viertel und damit auch diese Oase für Frühstücker durch eine mit Sicherheit bevorstehende Schwabisierung zerstört wird.

Goldberg
Reuterstraße 40, 12047 Berlin
Telefon: 030 / 53 06 99 28
www.goldberg-bar.de

Sämtliche Bilder befinden sich in höherer Auflösung auch noch an dieser Stelle. Dort ist auch das Butterfäßchen zu bewundern.

  1. Ja, ich gebe zu, dass musste ich nachschlagen. []
  2. Es trafen sich dort der unvergleichliche John Goldtrain und monoxyd []
  3. Bissiges Tierchen muss Gassi []
  4. Also loser Tee in einem Beutel []
  5. x >= 3 []

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Filed under À la carte, Netz: Gratis, Neukölln

Sowohl als auch

Es begab sich aber zur Zeit, daß die jungen Helden[1] gedachten, ein gemeinsames Frühstück einzunehmen und dazu das Ben-Uschi & der Papst auserkoren. Es begab sich aber zu dieser Zeit auch, daß eben jenes Etablissement durch ein Kasperletheater ersetzt worden ward. Unverdrossen zogen die jungen Helden weiter zu Anna Blume, die sie jedoch wiederum schnöd wegen Überfüllung zurückwies.
Abgeschlagen, abgebrannt und fast verhungert landeten die beiden Streiter im „Sowohl als auch“, welches schon in grauer Vorzeit von anderen Eßtestern vorgeprüft worden war. Nichtsdestotrotz setzten sich die Protagonisten und suchten aus der Speisekarte, die über ein wohlfeiles Inhaltsverszeichnis verfügte, je einen Tee heraus. Für Don Quijote gab es Breakfast Tea, für den getreuen Sancho eine aus Kräutersud gekochte Teemischung.
Sowohl als auch - Tee
Hocherfreut wurde nach einer äußerst akzeptablen TTT[2] festgestellt, daß die Gebräue in großen Tassen serviert und lose in papiernen Beutel präsentiert wurden. Der Preis von zwei Goldstücken und achtzig Kupferlingen scheint daher nicht ungerechtfertigt. Derart aufgeheizt wurde erneut die Karte zur Mahlwahl studiert.
Aus der üppigen Frühstücksgewinnpalette wählte Mr. Smithers das „Osloër“ (7,90 €)[3], Dr. M. Burns hatte sich hingegen vorgenommen, seinen Magen mit einem „Sylter“ (7,20 €)[3] vollzuschlagen. Gesagt – getan. Noch weit bevor der Tee alle war, erschienen auch schon zwei übersichtlich befüllte Teller mit totem Meeresgetier.
Sowohl als auch - Osloër
Obwohl die Übersichtlichkeit der Teller Stirnrunzeln hervor rief, wurden beide Esser wohl gefüllt, kommen allerdings nicht umhin, die fehlende geschmackliche Abwechlsung zu bemerken. Die Vermutung liegt nahe, dass das tote Meeresgetier industriell verarbeitet und auf den Teller verbracht wurde. Kein Grund zur Beschwerde, aber von einem Geschmackserlebnis kann und soll an dieser Stelle nicht gesprochen werden.
Sowohl als auch - Sylter
Das anwesende Volk entsprach dem seit unserem letzten Besuch deutlich veränderten Gentrifikationsmaß im Kiez[4] und führte zu einer beschleunigten Nahrungsaufnahme. Unterstützt wurde dieser Eindruck durch die sanft-süß-säuselnde Fahrstuhl-Muzak. Der Blick in die Kuchenvitrine verzögerte die frühen Abreisepläne noch ein wenig und führte schließlich zum Erwerb eines Stücks Schoko-Sahne-Schnitte, ähhh, -Torte.
Sowohl als auch - Schokosahnetorte
Während die SSS einen guten Schokoladisierungseffekt erzeugte, enttäuschten die dazu bestellten koffeinhaltigen Heißgetränke. Während der bestellte Espresso durch Aufhäufung eines kleinen Zuckergebirgens durchaus genießbar war, war der Milchcafé eher ein spröder kaffffe, den auch größere Schwünge Zuckers nicht retten konnten.
Farsid: Unter den an diesem Morgen besuchten Eßstellen hat das „Sowohl als auch“ einen wohlverdienten dritten Platz eingenommen. Sollte es das verehrte Publikum in dieses Etablissement verschlagen, hat es nichts Böses™ zu befürchten. Allerdings fällt uns auch gerade kein gewichtiger Grund ein, das „Sowohl als auch“ als explizite Wahl einer Befrühstückung zu empfehlen. Möglicherweise ändert sich diese Beurteilung aber, sobald die Sonne es ermöglicht, die Mahlzeit vor dem Café einzunehmen. Wir werden berichten.
Sowohl als auch
Kollwitzstr. 88, 10435 Berlin
Telefon: 030 / 442 93 11
www.tortenundkuchen.de
  1. Nicht mehr ganz so jung: erdgeist. Trotzdem heldenhaft: monoxyd. []
  2. Time To Tea []
  3. Wir können für die Preise nicht garantieren, da sie aus dem Gedächtnis angegeben werden. [] []
  4. Windows-NET-Umhängetasche eines glatt-gegelten Herren []

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Filed under À la carte, Prenzlauer Berg

Gagarin

Wenn es zwar noch winterlich ist, aber der Frühling im weitesten Sinne schon absehbar, lohnt es sich, potentiell zu lobende Frühstückslokale abzuklopfen. Wir[1] fanden uns daher diesmal direkt am Wasserturm in Prenzlauer Berg im „Gagarin“ ein, denn es empfiehlt sich bei besserem Wetter zum Draußensitzen. Man erwartet in der Gentrifizierungsgegend zwar den typischen Geck oder Gimpel am Nebentisch, vormittags war es aber überraschend leer in dem abends auch als Bar betriebenen Lokal.

Die Karte begrüßt den Gast mit einer veritablen Publikumsbeschimpfung, die vor dem sagenumwobenen „russischen Service“ warnt. Wir dürfen jedoch entwarnen: Der Kellner war überaus nett und nebenbei auffallend attraktiv. Die Karte enthielt auch den Hinweis auf das sonntägliche Brunch-Büfett, den wir geneigten Lesern nicht vorenthalten wollen. Denn für zehn Euro bekommt man russische Spezialitäten kredenzt, die wir aber mangels Test nicht bewerten können. Wir werden das Gagarin sonntags eher meiden, Büfetts sind unsere Sache nicht.

gagarin-karte

Die Speisekarte des Gagarin. Auch wer kein Kyrillisch lesen kann, wird wohl ahnen, wer dort abgebildet ist.

Während beim Brüten über der Karte das große Rätselraten wieder begann, welches Frühstück nun den perfekten Morgen machen könnte, fiel die Dekoration des Gagarin ins Auge: lauter Bilder russischer und sowjetischer Führer, dazu Weltraumbilder. Aufmerksam registrierten unsere Hintern derweil das angenehm bequeme Sitzsofa, das wir in der Ecke neben der Bar ausgesucht hatten, als auch schon der erste Latte macchiato kam:

latte-ausblick

Latte macchiato: 2,70 €.

erdgeist wählte, wie meistens, die Variante mit doppeltem Espresso, für die er immerhin 3,90 € löhnen mußte. Auch eine andere Tradition setzte er fort: Er wählte der besseren Objektivierbarkeit wegen das Frühstück, das einem gemischten Frühstück nahekommt. Im Gagarin heißt das „Belka & Strelka“.

Wer sich nun fragt, wer oder was Belka („Eichhörnchen“) und Strelka („kleiner Pfeil“) sind, dem sei eine Netzsuche empfohlen, denn es gibt großartige Geschichten über sie. Es waren zwei streunende Moskauer Hunde, die zu Weltraumhunden wurden, die in den 50ern und 60ern Orbitalflüge absolvierten und überlebten. Eines von Strelkas danach zur Welt gekommenen Hundebabies mit dem Namen Pushinka wurde von den Russen den Kindern John F. Kennedys geschenkt und soll eine amerikanische Hundedynastie mit Migrationshintergrund gegründet haben. Beide Kosmonautenhunde sind ausgestopft worden und heute in einem Museum zu sehen, gar ein erfolgreicher Trickfilm wurde letztes Jahr über sie gemacht, der im russischen Kino lief.

belka+strelka

Frühstück Belka & Strelka: 6,90 €.

Das Frühstück konnte im Gegensatz zu den Anekdoten über die Hunde allerdings nicht viel Freude machen. Gerade im Vergleich zu den typischen gemischten Frühstücken, die erdgeist regelmäßig konsumiert, muß man es unterdurchschnittlich nennen. Es fehlte an frischen Zutaten, denn abgesehen vom Obst blieb es fad. erdgeist bereute, daß er nicht beispielsweise Quark zusätzlich bestellt hatte, das hätte die langweilige Zusammenstellung deutlich aufgewertet.

sputnik

Frühstück Sputnik für 3,50 €.

Da man auch ein ganz kleines Frühstück ordern konnte, bestellte 46halbe „Sputnik“, da ihr Hunger nur so mittelprächtig war. Es stellte sich irgendwie grad als das heraus, wonach ihr der Sinn gestanden hatte. Nur das Ei wählte sie ab, bekam ohne Preisaufschlag stattdessen den gewünschten Frischkäse. Ein wenig Obst lag anbei: Mango, Erdbeere und Melone. Mit etwas Honig und Schwarze-Johannisbeer-Marmelade dazu war es perfekt.

Hingehen sollten alle, die in angenehmer Atmosphäre und vollkommen unprätentiös frühstücken und dabei in alten russischen Lehrbüchern ihre Sprachkenntnisse auffrischen möchten, aber kein Gabelfrühstück erwarten.

Gagarin
Knaackstraße 22, 10405 Berlin
Tel. (030) 442 88 07
Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe und erdgeist als wie immer objektive Tester unterwegs. []

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Filed under À la carte, Prenzlauer Berg

KuchenRausch, die Zweite

Im Sommer 2008 haben wir das KuchenRausch schon einmal auf Herz und Nieren getestet. Ein unabhängiges Team[1] konnte nun bei einem Ortstermin ein neuerliches Lagebild erstellen. Die Schreibweise mit dem großen Binnen-R kommt übrigens vom Kaffeehaus selber, allerdings nicht durchgängig. Auf der Rechnung steht beispielsweise „Kuchen Rausch“. Unschwer zu erkennen: Die Agovis-Krankheit ist auch hier angekommen.

logo kuchenrausch

Aufdruck der Speisekarte.

Wir hatten eine längere Suche hinter uns, denn am Wochenende findet man in Friedrichshain kaum ein Lokal, das kein Brunchbuffet anbietet. Uns war aber nicht nach einem Buffet, auch wegen des Wetters. Stundenlang offen herumliegende Speisen mochten wir bei den hohen Temperaturen nicht essen. Also hatten wir mehrere Blöcke des Südkiezes zu Fuß erkundet, um ein Frühstück à la carte zu finden.

Das KuchenRausch ist ein Ecklokal, gleich gegenüber vom Intimes an der Simon-Dach-Straße gelegen. Wir ergatterten erfreut den letzten freien Tisch draußen. Wochenends kommt man sich zwar zuweilen vor wie auf einer Frischfleischparade, denn der Strom nicht einheimischer Passanten mit merkwürdiger Kleidung reißt kaum ab. Dennoch hat sich etwas zum Positiven gewandelt: Da die Simon-Dach-Straße zur Einbahnstraße geworden ist, hat der Verkehr merklich nachgelassen, was den Lärmpegel durch weniger Feuerstühle und Kraftwagen gesenkt hat.

Wir bestellten erstmal zwei Latte Macchiato beim blitzartig herbeigeeilten freundlichen Kellner. Der Preisvergleich mit dem Test von vor zwei Jahren ergab eine milde Preissteigerung von 2,80 auf jetzt drei Euro. Leider ist die Bar offenbar nicht so schnell wie der Kellner, denn die TTL lag bei sieben Minuten, dankenswerterweise serviert mit stillem Wasser. Während wir also warteten und einen Blick in die Karten warfen, gesellten sich zwei Menschen mit viel Gesichtshaar und einer Gitarre und einem Saxophon zu den Frühstückenden und spielten auf. In moderater Lautstärke gab es Gassenhauer für Cineasten, was Herrn Vroomfondel schlußendlich tatsächlich dazu veranlaßte, den Musikern Geld zu geben.

zwei latte

Latte Macchiato zum Preis von je 3 €.

So angeregt, entschied sich Herr Vroomfondel für das Gourmetfrühstück. Der gerade den Latte Macchiato servierende Kellner zeigte sich allerdings etwas bockig und quittierte unser Ansinnen, nun eine Bestellung aufgeben zu wollen, mit einem Blick als hätten wir ihn um einen Ehebruch gebeten. Er nahm unsere Bestellung nicht entgegen, verwies stattdessen auf einen Kollegen. Wir durchschauten die Bedienungsordnung nicht so ganz, aber sein Kellnerkollege war gleichermaßen nett, vielleicht gar ein wenig eloquenter und humorvoller. Während wir warteten, verglichen wir noch die bekannten Preise des Jahres 2008 mit den heutigen: Wir stellten gleichbleibende Frühstücks- und moderat angestiegene Getränkepreise fest.

gourmetfruehstueck

Gourmetfrühstück: 11,80 €.

Das Frühstück mit Lachs, Wurst, Schinken, Kräuterquark, gebratenen Kartoffelstückchen und allerhand Deko kam nach einiger Wartezeit, deren Messung durch ein angeregtes Gespräch leider unterblieb. Eigentlich wird das Gourmetfrühstück mit Käse ausgeliefert, der Bitte nach ersatzweisem Kräuterquark wurde aber problemlos entsprochen. Herr Vroomfondel äußerte nach einer Kostprobe den Verdacht, daß der Kräuterquark selbstgemacht sein könnte, auf jeden Fall aber war er geschmacklich ansprechend und reichlich vorhanden. Die Honig-Senf-Soße war jedoch leider ein aromatisiertes Industrieprodukt, das kaum Honig enthielt. Auch die Obstgarnitur verschmähte er, lobte aber gleich mehrfach die Marmelade. Insgesamt vergab er das Prädikat „reichlich und abwechslungsreich“.

46halbe hatte das Rührei mit geriebenem Emmentaler und Schnittlauch mit Butter und Brot bestellt, dessen Anblick jedoch irgendwie Enttäuschung hervorrief:

ruehrei

Rührei mit „geriebenem“ Emmentaler und Schnittlauch für 4,90 €.

Es wirkte klein. Von geriebenem Emmentaler konnte leider keine Rede sein, denn an den Seiten des aus drei Bioeiern bestehenden Rühreis hatten sich zwei größere Ansammlungen des Emmentalers, die offenkundig erst kürzlich noch Scheiben waren, zusammengefunden. Außerdem war kein Schnittlauch im Rührei, sondern lediglich einige Schnittlauchstückchen darübergestreut. Die Obstdekoration lag hilflos daneben. Nicht einmal der lecker anmutende Brotkorb konnte da trösten. Nach dem Kosten des Rühreis allerdings verflog die Enttäuschung, denn geschmacklich war es überraschenderweise ausgesprochen gelungen.

Wir können das KuchenRausch nach wie vor empfehlen, wenn auch nicht uneingeschränkt. Hingehen sollten alle, die auf selbstgemachte Brombeer-Thymian-Marmelade abfahren, aber sich nicht von Mini-Serviettchen und einem noch immer dünnen Latte Macchiato abschrecken lassen.

KuchenRausch
Simon-Dach-Straße 1, 10245 Berlin
Tel. (030) 55 95 38 55
Webseite

  1. Diesmal waren wieder 46halbe und Herr Vroomfondel als Testpersonen unterwegs. []

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Hilde

Das Hilde liegt in der Metzer Straße an der Ecke zur Prenzlauer und ist gleichzeitig Café und Bar. Abends gibt es zuweilen Live-Musik und eine volle Hütte, tagsüber ist es aber gemütlich leer. Es liegen sogar Spiele wie Backgammon oder Vier gewinnt bereit für längere Aufenthalte.

Wir eroberten den erstbesten Tisch neben der Tür und setzten uns mit dem Rücken zur Prenzlauer auf die mit Kissen ausgelegte Fensterbank. Hat man etwa einen Chapeau claque oder eine Perücke auf, können Passanten diese im Vorbeigehen bewundern. Als Sitzmöbel umgewidmete Fensterbänke beobachtet man jetzt häufiger in Berlin. Es liegt vermutlich an den neuen Biedermeiern, die hier nun überall wohnen, und an dem allgemeinen Hang zur Gentrifizierung, der ehemalige Schaufenster-Geschäfte nach und nach in gastronomische Lokalitäten umwandelt.

innenraum

Der Innenraum mit Blick auf die Bar.

Zuerst mußte natürlich ein stimmungsaufhellendes koffeinhaltiges Heißgetränk her. Der umgehend georderte Latte Macchiato hat eine besonders angenehm auffallende Schokoladenbeigabe: Tony’s Chocolonely. Anders als die üblichen Kekse, die man zum Kaffee serviert bekommt und die regelmäßig widerwärtig schmecken, ist dieses Schokostückchen nicht nur mit dem Fairtrade-Siegel gesegnet, sondern mundet auch. Nebenbei garantieren Chocolonely und sein holländischer Erfinder Teun van de Keuken sklavenfreie Herstellung und verwenden ghanaischen Kakao, der gemeinsam mit einer Kooperative angebaut wird.

latte mit chocolonely

Latte Macchiato mit einem Stückchen Chocolonely für 2,60 Euro.

Nach nur kurzer Durchsicht der Karte wählte erdgeist leichtfertig das Frühstück „Substanz“ zusammen mit einem doppelten Latte Macchiato, der sich allerdings als recht bitter herausstellte. Das Hilde ist also nichts für den Profi-Kaffeegenießer, tröstend jedoch der zum Anfüttern auf dem Tisch hinterlassene Brotkorb. Zu dem Tee, der auf dem Foto zu sehen ist, kommen wir später.

brot mit tee

Ein einladender Brotkorb.

Bevor auf erdgeists Frühstück näher eingegangen werden soll, ein kurzer Hinweis auf ein häufig auftauchendes und leider auch im Hilde zu beklagendes Problem: Serviettchen, sozusagen Genußwerkzeuge in homöopathischen Dosen. Denn obgleich ein leerer Teller bereitgestellt wurde und man sicherlich das gesamte Frühstück mit Hilfe von Messer und Gabel verzehren könnte, so neigt doch der typische Hungrige bei der morgendlichen Nahrungsaufnahme zum handfesten Griff nach dem Brötchen. Warum existiert eigentlich keine Lippenreinigungselementdarreichungsverordnung, in der die Mindestaufnahmefläche der Mundtupferl festgelegt ist, es gibt doch auch sonst für alles einen wiehernden deutschen Amtsschimmel? Na gut, das wäre vielleicht dann doch übertrieben, eigentlich hülfe schon statt der Mini-Serviette ein ordentlich großes Tuch für Finger und Mund.

fruehstueck substanz

Das Frühstück „Substanz“ für 6,90 Euro.

Das Frühstück „Substanz“ bestand aus verschiedenen Salami- und Schinkensorten, dekoriert mit Apfelstückchen, Paprika, Tomate, Orange und grünem Salat. Dazu gab es einige Oliven, die erdgeist als überflüssig brandmarkte. Das Frühstück bekam insgesamt das Prädikat „gut“, mehr aber auch nicht.

fruehstueck veggie

Das Frühstück „Veggie“ für 6,50 Euro.

46halbe hatte sich für das vegetarische Frühstück entschieden. Eine gute Wahl und sehr nahe am perfekten Morgen, wie er an diesem Tag erschien. Es gab Mohrrübchen-Stangen, Paprika, Frischkäse, Gurke, Kiwi, eine Erdbeere, Marmelade, Honig, dazu Joghurt. Die Erdnußbutter griff sich erdgeist allerdings. Schon gut gesättigt, bekamen wir dann noch Besuch von frank, der sich ebenfalls zu einem Frühstück „Substanz“ im Hilde hinreißen ließ. Serviert wurde dazu ein Assam-Tee mit Honig, dessen Darbietungsweise ein erfreulicher Anblick war:

nur tee, bitte

Assam-Tee für zwei Euro.

Hingehen sollten alle, die sich von mildem Retro-Style angezogen fühlen und die nicht gleich erschüttert sind, wenn die Karte weniger als fünfzig Frühstücke zur Auswahl bereithält.

Hilde

Metzer Straße 22, 10405 Berlin

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Academie der schönsten Künste

Wenn es just anfängt zu regnen, ist das doch sicher ein gutes Omen – nämlich gerade als wir[1] an der Tür der Academie der schönsten Künste standen, tröpfelte es von oben. Nicht „schönen“ wohlgemerkt, da mag sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen.

Das Interieur wirkte einladend: In dem mehrfach unterteilten Innenraum reihen sich gemütliche Sofabänke aneinander, garniert mit großen bunten Kissen. An den Wänden konnte man dutzende Bilder und Fotos betrachten, nicht selten abgebildet waren nackte, halbnackte und sich offenkundig zugetane Menschen. Eine umfangreiche Auswahl von Zeitschriften, aber leider keine Tageszeitungen, lagen bereit, um einsamen Frühstückern die Zeit zu vertreiben.

Auf einem kleinen Hinterhof gibt es einige Tische unter Sonnen- bzw. Regenschirmen. Aufgrund des Wetters verzichteten wir darauf, in Ruhe unter den Schirmen zu sitzen, und suchten uns einen Tisch drinnen. Angenehmerweise zechte die übliche Stuttgarter Landplage – der telefonierende oberhemdtragende Yuppie – woanders, so daß sich eine angenehme Frühstücksatmosphäre einstellte. Zwar saß eine anfangs fortlaufend in eines ihrer diversen Telefone plappernde Frau gegenüber, sie griff sich aber alsbald ein Buch und schwieg. Bei der Lektüre handelte es sich um ein Werk eines Bizarro-Esoterikers mit güldenem Umschlag, was uns zu abseitigen Spekulationen über den Beruf der Dame anregte. Wir verzichten hier zugunsten des Lesers auf eine genauere Erörterung.

Dann kann es ja losgehen mit der Speisenwahl. Herr Vroomfondel wählte das Bauernbrot mit Räucherlachs und Meerettich, einen Latte Macchiato und eine große Apfelschorle. Die TTL wurde mit grenzwertigen sechs Minuten gestoppt, prinzipiell war die Bedienung eher lahm, aber nicht unfreundlich. Die in der Academie kredenzte Kaffeesorte wird den fortgeschrittenen Koffein-Nerd nicht zum glückseligen Grinsen verleiten, ist jedoch im Rahmen eines Frühstücks durchaus akzeptabel.

lachsbrot

Bauernbrot mit Räucherlachs und Meerrettich: 5,90 €.

Das Bauernbrot stellte sich – leicht überraschend – als Italien-Style heraus. Es war grobporiges Weißbrot, das jedoch gut mit dem Lachs harmonierte. Der Lachs in Standard-Qualität war zu einem reichlich bemessenen Belag komponiert, der Meerettich wurde im separaten Näpfchen in ausreichender Menge gereicht. Erstaunlicherweise waren die halben Partytomaten, deren ubiquitäre Verwendung ja bei 46halbe zu einer konsequenten Abwertung in der Gesamtnote führt, aromatisch und zum Lachsbrot passend.

Das Angebot an Speisen war vielfältig, 46halbe hatte Mühe mit dem Auswählen. Das „knusprige Sandwich“ klang irgendwie gut. Dazu konnten, wie beim Bauernbrot auch, diverse Beläge ausgesucht werden. 46halbe entschied sich für die stinknormale Variante: Frischkäse und milde Salami. Es stellte sich allerdings heraus, daß es sich um eine schnöde Schrippe handelte, die allerdings tatsächlich als knusprig einzustufen war.

salamibroetchen

„Sandwich“ mit Frischkäse und Salami: 4,50 €.

Dazu wurde ein Obstsalat geordert, an dem es genau nichts zu bemängeln gab – außer vielleicht, daß Herr Vroomfondel sich mehrfach unerlaubt, aber mit großem Genuß, daran vergriff. Das spricht aber für Aussehen und Geschmack. Abweichend von den sonstigen Abläufen bestellte 46halbe dazu einen großen Milchkaffee.

obstsalat

Obstsalat: 5,50 €.

Die allgemeine Aufmerksamkeit des Personals ließ ein wenig zu wünschen übrig, es bedurfte mehrfacher Signalisierung von Nachbestell- und Zahlungsbereitschaft. Es glückte uns dann aber nach dem Verzehr doch die Bestellung eines Capuccino, der dem Milchkaffee nicht nur wie ein Ei dem anderen glich, sondern auch so schmeckte.

milchkaffee

Großer Milchkaffee für 2,90 € oder kostenloser Capuccino?

Daß man sich die Brote aus einer großen Auswahl selbst zusammenstellen kann, ist eine innovative Idee fürs Frühstück, die man bisher nur selten offeriert bekommt. Innovativ und den Gästen sehr entgegenkommend ist es aber auch, Bestelltes einfach nicht zu berechnen. Wir schwören natürlich bei unseren Mägen, dies nicht gleich beim Bezahlen bemerkt zu haben, aber auf der Rechnung fehlten 46halbes Capuccino sowie der von Herrn Vroomfondel genossene frischgepreßte Orangensaft. Vermutlich wäre uns das ohne unser Frühstücksblog niemals aufgefallen, belief sich die Rechnung doch insgesamt auf stattliche 25,20 Euro.

Hingehen sollten alle, die in entspannter Atmosphäre aus einer großen Auswahl von leckeren, frisch belegten Brötchen, Broten, Obstsalat und ähnlichem frühstücken wollen. Falsch ist man allerdings in der Academie, wenn man ein typisches Berlin-Style gemischtes Frühstück erwartet.

Academie der schönsten Künste
Charlottenstraße 5, 70182 Stuttgart
Tel. (0711) 24 24 36
Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe und Herr Vroomfondel als Testpersonen unterwegs. []

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Filed under À la carte, keine Kreditkartenzahlung, Nicht wirklich Berlin

St Gaudy

Wenn man vormittags durch die Gaudystraße in Richtung der Schönhauser Allee entlangspaziert, entdeckt man einen vor einiger Zeit neueröffneten Laden, das St Gaudy Café. Da offenbar in Prenzlauer Berg doch Vollbeschäftigung herrscht oder aber alle noch schlafen, ist niemand zu sehen im Laden. Aber das Schild draußen vor der Tür wirkt einladend:

bach-spruch

Bring me a cup of coffee before I turn into a goat. (Johann Sebastian Bach)

Und wer wollte sich schon in eine Ziege verwandeln? Wir[1] kehrten also ein und suchten uns einen der Tische am Fenster zur Gaudystraße. Es gibt im St Gaudy nicht viele typisch angeordnete Stühle und Tische, in den beiden Räumen des Lokals sind dafür Kuschelecken vorhanden, die sich nach etwas Verweildauer aber als minder bequem entpuppten. erdgeist litt unter mildem Jetlag, sein Blick war in etwa so, als hätte er eine Stunde auf ein Testbild geschaut. Entsprechend mußten erstmal zwei Latte macchiato her, doppelt für ihn. Nach einem kürzlichen Besuch in den USA sah sich erdgeist außer Stande, den Kaffee zu bewerten, da er alle deutschen Heißgetränke köstlich fand.

zwei latte

Zwei Latte macchiato, Preis unbekannt.

Es gibt noch etwas nicht im St Gaudy: eine Karte. Wie wir es nun mehr und mehr beobachten, gibt es auch hier einen Tresen, wo man die Speisen an einer Tafel abliest oder aus der Auslage aussucht.[2] Entsprechend gibt es auch nur partiell eine Bedienung. Während als musikalische Untermalung Laute eines Wimmerholzes ertönen, wanken wir zum Sortiment, wo uns ein freundlicher Australier empfängt. erdgeist wählt ein dunkles belegtes Kürbiskern-Brötchen.

broetchen

Sandwich-Brötchen mit Camembert, Rauke, Gurke und Tomate, Preis unbekannt.

46halbe hatte zuerst auf nichts Lust, obgleich die Auslage leckere belegte Brötchen, vor allem aber verschiedene ansehnliche Kuchensorten offerierte. Nachdem erdgeist seine Schrippe verdrückt hatte, bestellten wir aber doch noch einen Karottenkuchen mit zwei Gabeln. Er kann sehr zum Verzehr empfohlen werden, war aber recht mächtig.

karottenkuchen

Karottenkuchen, Preis leider auch unbekannt.

Da wir uns ans Fenster gesetzt hatten, spürten wir leider bald den Drang, uns eine Jacke überzuziehen, denn insgesamt war es im St Gaudy einen Tick zu kühl. Schon zum Aufwärmen orderten wir daher weitere Heißgetränke, die wir unter dem leicht skeptischen Blick von Lenin genossen.

lenin-lampe

Lenin auf der Lampe.

Hingehen sollten alle, die in Ruhe eine der zahlreich rumliegenden Zeitschriften lesen wollen, vor dem Bestellen immer gern einen Blick auf die Speisen werfen möchten und freundliches Personal zu schätzen wissen.

St Gaudy Café, Gaudystr. 1
Tel. 0175-5977562
Webseite des St. Gaudy

  1. Das neue Café haben erdgeist und 46halbe für Euch unter die Lupe genommen. []
  2. Der Vorteil ist natürlich, daß man sieht, was man bekommt. Der Nachteil ist, daß man keine Rechnung am Ende des Frühstücks bekommt, daher die Preise leicht wieder vergißt. []

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