The Bowl

Wer vor Eintritt in ein Lokal noch während der Anfahrt einen „Hipster-Alarm“ auf dem mobilen Retro-Computer sieht, macht sich auf Schlimmes gefasst. Wird es Echtholztische und Edison-Lampen geben, wird man ohne Sneaker schief angesehen? Der Hinweg zum „The Bowl“ an der Warschauer Brücke ist dennoch von Neugier und mutiger Vorfreude geprägt, denn die Hoffnung frühstückt ja bekanntlich zuerst.

Wir[1] machen es uns am Fenster im warmen Sonnenschein gemütlich und freuen uns auf feinste Nahrung. Wir blicken durch eine große Fensterwand auf die Warschauer Brücke, die permanent von Bussen, Autos, Babybrummen und Straßenbahnen befahren wird. Doch davon hört man hier oben kaum etwas, denn wir sitzen im ersten Stock. Der Blick ist wunderbar, die Tische dort sind folglich sehr zu empfehlen.

blick aus dem fenster

Blick aus dem Fenster von „The Bowl“ auf die Warschauer Brücke.

So lassen wir unsere sonn-tägliche Stimmung nun gern zum Behufe des Lokals ausnutzen. Wie immer inspizieren wir zuerst die diesmal gänzlich tierproduktlose Speisekarte[2] und ordern die Getränke. 46halbe bestellt einen Latte und ein Mineral-Spritz mit veganem Sirup in der Geschmacksrichtung Holunderbeeren mit Minze.

latte-vegan

Latte in veganer Ausführung für 3,50 €.

Als der Latte für 46halbe kommt, ist sie zunächst skeptisch: Kuhmilch im koffeinhaltigen Heißgetränk ist eigentlich ein Muss. Doch der Latte schmeckt ohne Abstriche. Dazu wird uns Rohrzucker[3] gereicht.

Zucker, gekoernt

Rohrzucker, ansehnlich.

Wenig später gesellen sich die beiden anderen bestellten Getränke dazu:

mineral-spritz und latte

Mineral-Spritz (0,2 l) für 2,50 € und Turmeric Latte für 4,50 €.

laryllian hatte sich abenteuerlustig für einen Turmeric Latte[4] mit Kurkuma entschieden. Entgegen haltloser anderslautender Erwartungen ist sein Latte jedoch gar kein Kaffee, sondern tatsächlich ein Getränk auf Reis-Mandel-Basis, das er als sehr wohlschmeckend beschreibt.

gelber latte

Nur zum neidisch werden: Detailaufnahme des Turmeric Latte.

Später ordert laryllian noch einen Cappuccino (2,90) sowie einen Mineral-Spritz Ingwer-Pflaume, den er aber als zu süß brandmarkt und geschmacklich darin einen deutlichen Pflaumenüberhang konstatiert.

Was das eigentliche Frühstück angeht, entscheidet sich 46halbe für gebackenen Blumenkohl mit Kichererbsen-Umarmung, selbstverständlich inklusiv und glutenfrei:

Blumenkohl als Frühstück

Gebackener Blumenkohl: 5,50 €.

Natürlich ist das kein eben typisches Frühstücksgericht, aber von althergebrachten Traditionen lassen wir uns nicht verunsichern. Wir essen schließlich unser Frühstück an diesem Tag gegen 13 Uhr. Und wo wir schon dabei sind, Traditionen zu brechen: Ganz gegen die sonstigen Gewohnheiten ordern wir auch eine Speise zum gemeinsamen Verzehr:

suesskartoffeln

„Süßkartoffel Fries“: 5,50 €.

Der gemeinsame Verzehr einer Speise gilt als riskant: Einer der Essenden kommt meistens zu kurz. Diesmal jedoch bleibt die Aufteilung fair und damit ohne Gabelhacken um die letzten Stückchen, großartig.

Eingangs ist die Bedienung bei der Entgegennahme unserer Bestellungen ein wenig knurrig, später aber lächelt sie auch mal. Ansonsten bleiben wir weitgehend ungestört, es kann aber etwas dauern, bis das Geschirr abgeräumt wird.

Den höchsten Ausschlag auf der nach oben offenen Hipster-Skala erreicht diesmal die außerdem bestellte „Superfood Joghurt Bowl“, die sich laryllian gönnt.

superfood

„Superfood Joghurt Bowl“: 6,50 €.

Anders als 46halbe empfindet laryllian die Essensportionen als zu klein, was ihm allerdings oft so geht und daher nicht zu sehr in die Wertung einfließen soll. Es wird also noch eine Guacamole mit Mohrrüben, Sellerie und Gurken hinterhergenossen. Sie erhält trotz einsetzenden Sättigungseffekts hohes Lob: Sie ist frisch, gut gewürzt, ausgewogen und kommt mit einer dunklen und angenehm feuchten Körnerbrotkombination.

Vanilla Almond Cake

Guacamole: 4,50 €.

Zum Schluss gönnen wir uns dann noch einen letzten Gang in Form gar göttlicher Gaumen-Glorie: Wir bestellen nichtsahnend einen Vanilla Almond Cake für laryllian und eine Schokokuchen-Kokos-Mousse für 46halbe.

Vanilla Almond Cake

Vanilla Almond Cake: 5,50 €.

Beim ersten Schmecken der Schokolade blicken wir uns tief in die Augen, beide mit einem wissenden Blick, der sagt: Sollte es mit der Welt einst zu Ende gehen, dann bitte mit diesem Geschmack von zarter, aber sehr präsenter Schokoladennote, wunderbar luftig, doch auch tief und mächtig, mit einem Ideechen Kokos, aber gerade nur so angedeutet wie ein Blütenhauch im Frühlingswind. Na gut, man merkt uns an dieser Beschreibung unsere Begeisterung wohl an, aber wir wollen sie auch nicht verbergen.

Schokokuchen Kokos Mousse

„Schokokuchen Kokos Mousse“: 4,50 €.

Der Kuchen wird von 46halbe mit einem ebenso seeligen Lächeln verspeist. Unser Fazit zum Nachtisch: Dringend als Aussteuer geeignet, grandioser Genuss garantiert, allein für das Dessert würde eine Hochzeitsfeier lohnen.

Fast ein bisschen zu gut gesättigt für insgesamt 47,90 (ohne Trinkgeld) und rundum froh verlassen wir das Etablissement, um noch wohlig verdauend und plaudernd zu flanieren.

Hingehen sollten alle, die von Kellnern nicht übermäßig oft belästigt werden möchten, an den Toiletten auch mal das Anstehen verkraften können, Wert auf fleischfreie Speisen mit spannenden Gewürzen sowie köstliche Nachspeisen legen, aber damit klarkommen, eine Speisekarte voller Agovis-Probleme zu lesen.

The Bowl
Warschauer Straße 33, 12043 Berlin
Telefon: 030 / 29 77 14 47
the-bowl.de

Eine Außenansicht auf das Haus findet sich an dieser Stelle. Die Aufnahme ist von der Warschauer Brücke aus entstanden. Unten im Haus ist ein Bio-Markt, der offenbar auch sonntags offen ist.

Die Fotos oben wurden mit einem Fairphone Zwo gemacht.

  1. Es trafen sich zum Frühstücksfest: 46halbe und laryllian. []
  2. Natürlich sind es nicht nur die Speisen, die ein schönes Frühstück wirklich ausmachen, sondern im Kern die Begleitung. :} []
  3. Mit der typischen braunen Färbung und grob gekörnt. []
  4. Ja, wir haben das auch nachgeschlagen, aber erst danach. []

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Zehn Jahre danach: Nola’s am Weinberg

Dieses Frühstücksblog besteht seit mehr als zehn Jahren. Nicht nur deswegen haben wir beschlossen, einige der früher bereits besuchten Orte nochmals heimzusuchen und die verzehrbare Wertarbeit Berliner Frühstücksprofis erneut auf Gaumentauglichkeit und optische Reize zu überprüfen. Wir[1] versuchen es zuerst im Nola’s am Weinberg. Im Sommer vor zehn Jahren hatte unser Testteam auf der Terrasse gesessen, dafür ist der März allerdings diesmal zu kühl.

Drinnen sitzen wir aber auch wunderbar: vor einer großen Fensterfläche, durch die helles Licht fällt. Wir können viel vom Berliner Himmel sehen, nur leider an diesem Tag so gar keine Sonne. An der Wand prangt ein historisch anmutendes Paar Skier, ein Regal steht voller Weinflaschen und die Musik säuselt angenehm leise, immer im Hintergrund wahrnehmbar, aber nie störend.

Zur besseren Vergleichbarkeit suchen wir nach den Speisen, die vor zehn Jahren genossen wurden, und bestellen das Frühstück „Der Ami z’Morgä“. Wie man das korrekt ausspricht, erfahren wir nicht: Das Personal beherrscht kein Schweizerdeutsch, gibt das aber auch freimütig zu. Niemand von uns ahnt also, wie man gewisse Speisen in der Karte ausspricht. Unsere Bedienung gibt verschmitzt zu bedenken, dass es vielleicht auch besser wäre, es nicht zu versuchen – jedenfalls als Nichtschweizer.

Das Frühstück steht nach nur kurzer Zeit bereit:

o-saft

Frühstück „Der Ami z’Morgä“: 12,- €.

Den optischen Vergleich zur damaligen Version braucht es jedenfalls nicht zu scheuen.

Zum Frühstück gehören zwei kleine Pancakes, ein Bagel mit Rukola und einem unbekannten weißen, cremeartigen Milchprodukt drauf sowie genügend knuspriger Bacon. Dazu gab es noch einen Obstsalat, der aber etwas kühl war, geschmacklich jedoch nicht enttäuschte.

Den dazu kredenzten Honig beschreibt benks gleich zweimal als „köstlich“, während er ihn in fluffige Pancakes eingesogen verzehrt.

ruehrei

Rührei mit Toast und Salat: 6,- €.

Das damals bestellte gemischte Frühstück finden wir allerdings nicht mehr auf der Karte, so wird ein klassisches Rührei geordert. Leider muss mal wieder ein unangekündigter Tomatenalarm ausgerufen werden, der nur durch einen beherzt zielgerichteten Gabeleinsatz des Tischgegenübers nicht zu einem jähen Ende des kulinarischen Feldversuchs führt.

Zum Rührei bestellt wurde noch ein frisch gepresster Orangensaft, der in kleiner Ausführung 3,50 Euro kostet.

cappuccino

Cappuccino für je 3,- €.

Wir haben nach dem Essen noch mehrere koffeinhaltige Heißgetränke bestellt, wohlwissend, dass dann der Zahnklempner beim nächsten Besuch wieder Ermahnungen aussprechen würde. Aber sowohl der Cappuccino als auch der Soya-Macchiato schmeckten eben nach mehr. Die Latte-Kunst der Gattung Farngewächs erfreute zusätzlich. Der ganz normale Kaffee kostet 2,50 Euro.

cappuccino

Jetzt kostet der Latte Macchiato je 3,50 €. Sojamilch wird auch angeboten.

Der zweite Cappuccino hatte übrigens einen kaum sichtbaren Tropfen übergelaufener Milch auf dem Löffelchen, den die Bedienung beim Abstellen bemerkte. Ohne zu zögern wollte er die Tasse wieder ergreifen und meinte: „Ich bringe einen neuen Cappuccino.“ Das haben wir aber dann doch als übertrieben abgelehnt. Mit einer Rechnung von zusammen 37 Euro ohne Trinkgeld waren wir in jeder Hinsicht gut bedient.

Hingehen sollten alle, die kein Netz brauchen, aber einen erfreulichen Ausblick mit überdurchschnittlich viel Himmelsfläche zu schätzen wissen, gleichzeitig einen Preis zu zahlen bereit sind, der selbst in einem Portemonnaie vom Typ Wuchtbrumme auffällt, aber durchaus im Verhältnis zu Qualität und Menge des Dargebotenen steht.

Nola’s am Weinberg
Veteranenstraße 9, 10119 Berlin-Mitte
Tel. (030) 440 407 66
Webseite, Blick auf das Lokal im Sommer

  1. Diesmal 46halbe erstmals mit benks unterwegs. []

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Quchnia

Auch abseits ausgetretener Frühstückspfade gibt es in Berlin mit Mut und Entdeckerfreude durchaus kulinarische Pretiosen zu finden. Das Risiko eines lentaculischen Fehlschlags besteht dabei natürlich immer. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Als waschechte Berliner würden geübte Frühstücker[1] wegen der bekannten Touristengefahrenzone am Gendarmenmarkt die Gegend eigentlich meiden. Aber um es vorwegzunehmen: Wir haben den Besuch nicht bereut.

Dass wir nicht herausfinden konnten, wie man das Wort „Quchnia“ korrekt spricht, hielt uns – auch mangels bewährter Alternativen in der Gegend – nicht lange auf. Das beim Eintreten wie ein Café wirkende Lokal wirbt mit einer Art Untertitel für sich: Kaffee – Brot – Kultur.

gendarmenmarkt

Der Blick auf den Gendarmenmarkt, wenn man vor dem „Quchnia“ steht. Bild: Drantcom, Creative Commons BY-ND 2.0.

Der Kellner fragte uns beim Erstkontakt schon automatisch, ob wir die Karte auf Englisch wollen, denn das Publikum setzt sich aus dem in der Gegend zu erwartenden Touristenstamm, den ortsansässigen Bewohnern teurer Investment-Wohnungen mit Großsonnenbrillenproblem und erkennbarer Nichtzugehörigkeit zur Arbeitsgesellschaft sowie Pseudo-Neureichen mit Alexverbot zusammen.

Das schreckt uns aber nicht. Denn wir sind nicht nur hungrig, sondern auch neugierig. Wir schauen uns die Karte im Grunde nur sehr kurz an, denn auf dem Tisch steht ein (zweisprachiges) Hinweiskärtchen, das unsere Aufmerksamkeit erregt:

hinweisschild

Hinweisschild für das Frühstück „Jakob’s“.

Das dort angepriesene „Frühstücks Menu“ löst zwar einen Agovis-Alarm bei uns aus, gepaart mit dem Deppenapostroph ist es aber irgendwie in sich stimmig und authentisch. So entscheiden wir uns beide für das Frühstücksensemble „Jakob’s“.

Die Frage von 46halbe „Kann ich das auch ohne Avocado haben?“ stößt auf zwei unmittelbare Reaktionen: erhebliches Unverständnis beim Kellner mit dem Hinweis, dass das kulinarisch schade wär, sowie der gleichzeitige Ausruf „Kann ich ihre Avocado auf meinem Frühstück haben!?“ bei Herrn Vroomfondel. Das bewog die noch leicht zweifelnde 46halbe dann doch, die unveränderte Avocado-Variante tapfer im Dienste der Wissenschaft auszuprobieren.

2 o-saft

Der große frische Orangensaft kostet 6,50 €.

Noch vor dem schon heiß ersehnten Kaffee kommen die beiden großen frischgepreßten Orangensäfte. Sie schmecken wie erwartet gut.

2 cappuccino

Cappuccino, Einzelpreis 3,50 €. Für die laktosefreie Variante muss man allerdings einen Aufpreis von sechzig Cent berappen und damit also 4,10 €.

Wenig später gesellen sich dann die beiden Cappuccinos hinzu. Die „TTC“ (time to cappuccino) lag mit sechs Minuten im Schnitt.

jakob sein fruehstueck

Das Avocado-Gedicht aus „Jakob’s“. Kostet einzeln 9,50 €.

46halbe hat es nicht bereut, die Avocados zu testen: Diese Avocado-Frischkäse-Rührei-Speck-Sauerteigbrot-Mischung mit einem Hauch Limette ist schlichtweg köstlich! Herr Vroomfondel nickt nur genüsslich kauend.

Es gibt allerdings ein kleines Ärgernis mit den Messern: Dieses „Messerproblem“ hat vermutlich mit der Spülmaschine zu tun, denn der Griff des Schneidwerkzeugs besteht aus Holz und ist genietet. Aus den Zwischenräumen tritt Restwasser aus, so dass man die Hände abtrocknen kann, solange man lustig ist – sie sind nach erneutem Schneiden wieder feucht. Wir hielten unsere Abgunst darob angesichts der köstlichen Speise jedoch im Zaum.

Einen Abzug in der „B-Note“ und letztlich der Grund, warum wir nach dem Essen nichts weiter bestellten, sondern recht schnell das Weite suchten: Die Tür des Lokals, vor dem auch Tische in der Sonne standen, wurde im Laufe unseres Besuchs dauerhaft geöffnet. Das stellte sich nach einigen Minuten bei ungefähr zehn Grad Außentemperatur nicht mehr als allzu angenehm zum Verweilen heraus. Wir haben das zwar gegenüber einem Kellner auch angemerkt, aber die Tür blieb offen.

Ein gewisses Verständnis für die offene Tür konnten wir aufbringen: Ein Kellner, der sie dauernd öffnen und schließen muss, hat eine Motivation, sie irgendwann offenzulassen – zumal bei Sonnenschein. Weil er sich während der Arbeit permanent bewegt, wird ihm die kühle Luft nicht weiter auffallen. Wäre er allerdings aufmerksam, hätte er sehen können, dass Gästen an vielen Tischen drinnen fröstelte. Mal abgesehen davon, dass die Abgase der draußen sitzenden Raucher unweigerlich in den Laden strömten.

Für uns war der leckere Teil des Tages dann eben schneller vorbei, wir bezahlten zusammen 43,70 € (ohne Trinkgeld) und ließen die Avocado-Freuden hinter uns. Deshalb muss der Inhalt der durchaus ansehnlichen Kuchenvitrine dieses Mal unbewertet bleiben.

Hingehen sollten alle, die aus irgendwelchen Gründen am Gendarmenmarkt zum Frühstück gestrandet sind, gerne eine ebenso innovative wie leckere und überaus sättigende Avocado-Rührei-Speck-Sauerteigbrot-Kombination verdrücken und dabei Touristen begucken wollen.

Quchnia

Markgrafenstraße 36, 10117 Berlin-Mitte
Tel. (030) 30 20 60 92 86

Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe und Herr Vroomfondel als Testpersonen unterwegs. []

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Filed under À la carte, Mitte

Sybille

Die „Sybille“ ist nicht nur dem Namen nach ostig. Wer irgendwas anderes denkt, wenn er zum ersten Mal vor dem Café Sibylle steht, hat wahrscheinlich die Gnade später Geburt erfahren und weiß deshalb mit dem Begriff gar nichts anzufangen. Das Team[1] ist nicht ganz zeitgleich angekommen, ein Platz am großen Fenster aber gar kein Problem, denn wochentags am späten Vormittag ist die „Sybille“ nicht gerade überfüllt. Also bietet es sich für uns an, doch mal herauszufinden, ob das nur am inzwischen etwas ungünstig gelegenen Ort des Lokals in der Karl-Marx-Allee liegt, der nicht mehr als beliebte Frühstücksecke bekannt ist. Die besten Zeiten hat die ehemalige Flaniermeile schließlich hinter sich, auch die jüngsten Wiederbelebungsversuche verfangen nur mäßig.

innenraum sybille

Blick in den Innenraum der „Sybille“.

Der Blick aus dem Fenster legt die merkwürdige architektonische Schönheit des „Sozialistischen Realismus“ der Karl-Marx-Allee (bis 1961 Stalinallee) frei, die steingewordene Utopie einer sozialistischen Straße, deren ausladend und pathetisch überhöhtes Antlitz einst die Arbeiter, Bauern und Stutzer der jungen DDR beim Flanieren auf ihre frische volksdemokratische Herrschaftsrolle hinweisen sollte.

stalinallee

Blick aus dem großen Fenster der „Sybille“ auf die Karl-Marx-Allee.

Wir setzen uns also in das ein wenig nostalgisch gestaltete Lokal, das mit allerhand Kunst an den Wänden bestückt ist, und bestellen zuerst die koffeinhaltigen Heißgetränke, die uns ohne lange Verzögerung gereicht werden. Der Tee, Geschmacksrichtung „Bergkräuter“, den monoxyd geordert hat, kommt nicht gut an.

kraeutertee

Kräutertee: 2,20 €.

Er bemerkt dazu, daß dieser „am oberen Ende der Abgespackt-Skala“ liege. Wir wissen auch nicht so genau, was er damit meint, schauen aber möglichst neutral in seine Richtung. Ein Kompliment soll es seinem Gesichtsausdruck nach wohl nicht sein.

zwei latte

Latte macchiato: je 2,90 €.

Der Kaffee muss leider das Prädikat „lappig“ bekommen. Er wird mit einem kurzen „Tschüssikowski“ hinabgestürzt.

espresso

Espresso: 2,20 €.

Auch der später bestellte Espresso ist schwach, erstaunlich schwach – es scheint, die Tradition des Blümchenkaffees würde in der „Sybille“ hochgehalten. Da tröstet nur die entgegenkommende Bedienung und eine große Kirsch-Schorle (0,4 l für 3,50 €).

ruehrei

Rührei mit Kräutern (3,80 €) und das Französisches Frühstück (2,50 €).

Die Auswahl der Frühstücke in der Karte ist zwar ein wenig dürftig, aber ein schönes Rührei mit Brot und Butter findet sich immer, dazu ein Französisches Frühstück mit einem Croissant, Marmelade und Butter, für das sich in dieser Kombination sowohl monoxyd als auch 46halbe entscheiden. Klingt eben nach einem perfekten Morgen. Das Rührei kommt über die Bewertung „ganz gut“ allerdings dann doch nicht hinaus.

continental

Frühstück „Continental“: 4,95 €.

Das von erdgeist erwählte „Continental“, das in der Rechnung später als „Deftiges“ verzeichnet ist, stellt sich als solides Frühstück mit hohem Grünanteil heraus: etwas Salami, Schinken, Käse, Marmelade und Butter. Auch diese Zusammenstellung erinnert ein wenig an die DDR, wenn man das viele Grün abzieht. Vielleicht kommt doch noch der eine oder andere Wendehals ganz gern in das Lokal, in der Gegend sollen ja überproportional viele gelebt haben. Wir genehmigen uns jedenfalls noch ein paar koffeinhaltige Heißgetränke und beginnnen danach frohgemut den Tag.
Hingehen sollten alle, die liebevollen Service und ein gutes Preis-Leistung-Verhältnis zu schätzen wissen, das mit insgesamt 34,55 Euro für drei hungrige Mäuler mit Koffeinmangel wirklich wenig zu meckern übrig läßt.

Sybille

Karl-Marx-Allee 72, 10243 Berlin
Tel. (030) 29 35 22 03

Webseite

  1. Diesmal waren monoxyd, 46halbe und Herr erdgeist als Testpersonen unterwegs. []

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Filed under À la carte, Friedrichshain

Kahrmann’s Own

Als die Welt noch in den Fugen war, die Sonne noch jeden Tag schien, haben wir ein zuvor noch nicht erprobtes Frühstücksangebot austesten wollen. Nachdem wir den besten Platz des Lokals[1] erobert und uns gesetzt haben, dauert es nicht lange, bis die Bedienung an unseren Tisch kommt. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, entsprechend verkünden wir freudestrahlend: »Wir würden gern frühstücken.« Der geplante perfekte Morgen beginnt mit einer herben Enttäuschung: »Frühstück? Da seid ihr hier falsch.«

Dieser Dialog zwischen uns[2] und der Bedienung findet im »Kahrmann’s Own« in der Bötzowstraße statt, unweit vom Volkspark Friedrichshain. Dem Barista fällt aber sofort auf, daß er sich wohl unvorteilhaft ausgedrückt hat und setzt rasch hinzu: »Hier gibt es kein klassisches Frühstück, aber dafür belegte Stullen. Und Suppe.« Suppe zum Frühstück? Warum nicht, sagen wir uns.

speisetafel

Blick zum Tresen.

Die Speise- und Getränkekarte besteht aus einer großen Tafel hinter der Bar und ist angenehm übersichtlich. 46halbe entscheidet sich spontan für eine Stulle mit Frischkäse. Leider bekommt sie erneut einen Korb. Frischkäse steht leider nicht auf der Karte und ist somit nicht lieferbar. Wir hatten die Karte eher für eine Richtlinie gehalten, aber wählen schließlich doch etwas aus ihrem Angebot: Da es weder Chorizo noch Mortadella gibt, wir aber dem Schweinesystem verhaftet bleiben, wählen wir Serranoschinken.

flat white

Flat White und Caffè Latte, 2,20 und 2,60 €.

Der dazu bestellte Flat White sowie ein Caffè Latte kommen ziemlich schnell, leider haben wir die TTL nicht gemessen. Zeitgleich gesellt sich ein Orangensaft dazu, der (absichtlich) ohne Glas genossen wird. Als 46halbe nach qualitativen Aussagen bezüglich der koffeinhaltigen Gaumenfreuden drängt, erschrecken wir ein wenig darüber, daß uns der Kaffee nicht weiter auffällt, da er einfach gut ist. Er paßt zum perfekten Platz im Lokal.

Für regen Kontakt mit der sehr verbindlichen Bedienung ist spätestens gesorgt, als die Speisen serviert werden. Denn die Vorstellungen von der perfekten Anzahl an Tomatenscheiben auf der Stulle gegen offenbar weit auseinander. Bei 46halbe ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten, daß die rote Pest einfach überall zwischengeklemmt wird, dennoch ist das ewige vorsichtige Rauspökeln der tropfenden Tomaten überaus lästig.

stullen

Stulle mit Tomate und Mozzarella: 3,30 €, Stulle mit Serranoschinken: 3,60 € (ohne Abbildung).

Die Stulle von sak war solide, der Mozzarella war nicht besonderes geschmacksintensiv – aber das erwartet man außerhalb Italiens auch nicht ernsthaft. Erfreulicherweise wurde kein Schindluder mit grünem Pesto getrieben, die Stulle enthielt frischen Basilikum. Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß beide Stullen getoastet waren, was viele mögen, aber manche eben nicht.

sak hat die Angewohnheit, noch Zeitung auf totem Baum zu lesen, bringt diesmal sogar zwei Exemplare mit, weil auf dem Weg von Frankfurt bis Berlin ein katholisches Bundesland liegt.[3] Das ist im »Kahrmann’s Own« jedoch unnötig, da auf dem Nebentisch eine Armada an papiernen Postillen liegt, allerdings an oberster Stelle die peinliche Zeitung mit den sehr großen Buchstaben. Das gibt Abzug in der B-Note.

Die Suppe von 46halbe stellt sich als ein wahres Gedicht heraus, auch ohne Würstchen, die nicht mitbestellt wurden, aber dafür Trüffelöl. Das Lob an die Köchin läuft allerdings ins Leere, sie bleibt anonym, genau wie die sonstigen Gewürze. Auf Rückfrage an die Bedienung, welche Gewürze die Kartoffelsuppe so bemerkenswert köstlich machen, erhalten wir keine sachdienliche Auskunft. Wir wissen daher nicht, was die Suppe so wohlschmeckend macht.

suppe

Kartoffelcrèmesuppe, 3,90 €, optional mit geschnittenen Würstchen: 4,50 € (ohne Abbildung).

46halbe bestellt nach dem Essen noch einen weiteren Flat White. »Ich schließe mich dem an«, sagt sak. »Kein Problem, ich mach einfach zwei Strohhalme rein«, lacht uns der Barista an, der offenkundig gute Laune hat. Er und das gesamte Ambiente lassen ein Wohlgefühl aufkommen, auch die Musik im Hintergrund ist angenehm. Keine Café-del-Mar-Fahrstuhlmusik, sondern ein paar Cover-Versionen, etwa vom alten Violent Femmes-Klassiker »Gone, Daddy, Gone«, den nicht mal Shazam kennt.

klingel ohne ton

Die Klingel auf dem Tresen.

Ein besonderes Feature erregt noch unsere Aufmerksamkeit: Ist der Barkeeper mal in der Küche (»raus aus dem Hygienebereich!«), kann man nach ihm klingeln. Schlägt man aber die bereitstehende Klingel auf dem Tresen an, hörte man ein lautes – Nichts; sie bleibt stumm. Der Mechanismus muß ein anderer, unsichtbarer und unhörbarer sein: Die Bedienung erscheint dennoch. :}

Hingehen sollten alle, die unter Frühstück in erster Linie Kaffee verstehen und nicht zwingend Obst-Origami oder andere Roßtäuscher-Ablenkungsmanöver auf dem Frühstücksteller benötigen. Wer ein Fernsehempfangsgerät besitzt, wird vielleicht den Namensgeber und Besitzer aus der Lindenstraße kennen. Ob das jetzt ein Grund für oder gegen den Besuch ist, bleibt natürlich dem Leser überlassen.

Kahrmann’s Own
Bötzowstr. 21, 10407 Berlin
Tel. (030) 330 290 26
Außenansicht

  1. siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Locus_amoenus []
  2. 46halbe war mit sak unterwegs, der keine digitale Kamera besitzt und daher sein Unfairphone für die Fotos nutzte. []
  3. Aufgrund des Feiertags http://de.wikipedia.org/wiki/Mari%C3%A4_Himmelfahrt wurde die Donnerstagszeitung nicht ausgeliefert. []

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Nest

Das Nest

Das Nest

Teilen des Frühstücksteams[1] sind viele in Berlin verfügbare Frühstückslokalitäten bekannt. Aber nur deswegen, weil sie den größeren Teil ihres Medienelitenbohemianlebens zu späterer Stunde mit alkoholischen Getränken an ebenjenen Orten verbringen, die es einfach versäumen nach der Frühstückszeit ihre Pforten zu schließen.

Das in Kreuzberg ansässige Nest gehört, genau wie das Bateau Ivre, zu diesen Orten. Für unsere Leser sind aber keine Mühen zu klein, deswegen wurde zu nachtschlafender Zeit (das Nest öffnet um 10:00 Uhr) der Rand des Görlitzer Parks besucht, um die übersichtliche, aber wohlsortierte Frühstückskarte des Nests zu durchforsten.

Milchkaffee (2,80 €) und Darjeeling (2,20 €)

Milchkaffee (2,80 €) und Darjeeling (2,20 €)

Ein Erlebnis, dass sich als ambivalent herausstellen sollte. Schon die erste Lieferung Heißgetränke kann dafür als Beispiel herhalten. Während der Darjeeling zwar lose im Beutel angeliefert wurde[2], entpuppte sich der Milchkaffee als wässrig. Also so, dass die herzkranke Großmutter vielleicht ihren Hochgenuß daran gefunden hätte, aber der unterkoffeinierte Berufsjugendliche einer schlimmen Zumutung ausgesetzt war.

Nichtsdestotrotz wurden in selten synchroner Simultanübereinstimmung „Gemischte Frühstücke“ bestellt, die jeweils durch ein gekochtes Ei und in einem Fall noch durch ein Zusatzcroissant[3] erweitert wurden. Noch bevor eine Bewertung der Verspeisung vorgenommen werden konnte, fiel auf, dass die gut bestückte Frühstücksplatte keinen Platz mehr für eine Auf- und Belegung der mitgelieferten Teigwaren bot, so dass ein zusätzlicher Teller wohl angebracht gewesen wäre.

Gemischtes Frühstück (6,40 €) mit Ei {1,20 €) und Croissant (1,50 €)

Gemischtes Frühstück (6,40 €) mit Ei {1,20 €) und Croissant (1,50 €)

Das Frühstück selbst entpuppte sich als akzeptabel mit kleinen Abstrichen. Menge und Auswahl waren zwar völlig zufriedenstellend, aber leider stellte sich heraus, dass den anwesenden Wurst- und Käsespezialitäten leider das Spezielle fehlte. Vielmehr muss unterstellt werden, dass sie aus einer handelsüblichen Supermarktplastikpackung entnommen wurden, wie sich an dieser bildlichen Darstellung eines Käselappens sehr gut nachvollziehen lässt.

Käse, lapprig

Käse, lapprig

Aber bevor sich allgemeiner Hass breit machen konnte und das Nest von einer Welle gerechten Zorns durchfegt wurde, beruhigte das mitgelieferte Ei die erhitzten Gemüter. Es muss neidlos postuliert werden, dass  in den Weiten der Berliner Frühstückswelt selten eine Hühnerperiode so perfekter Konsistenz serviert wurde.

Frühstücksei perfekter Konsistenz

Frühstücksei perfekter Konsistenz

Dermaßen hochgradig verwirrt und trotz abwertender Tendenzen unentschlossen, wurde ob eines endgültigen Urteils ein Kleinod bestellt, dass den Frühstückgast zwischen den herkömmlichen Morgenmahlzeiten aus der Karte anlacht. Arme Ritter. Mit Apfelkompott. Schlimmes Resteessen oder kulinarische Offenbarung? Das auswurfartige Foto lässt nichts Gutes vermuten und auch die getrockneten Bananenscheiben sorgten bei der Hälfte aller befragten Testsubjekte für Irritation und Unbehagen.

Arme Ritter mit Apfelkompott (4,20 €)

Arme Ritter mit Apfelkompott (4,20 €)

Das Apfelkompott hätte zwar warm sein können, aber dennoch erfreute der winterliche, leicht zimtige Geschmack den Gaumen. Mit den herkömmlichen Armen Ritter hat das aber nur entfernt zu tun, es handelt sich eher um die Variante des Hofritters, der in vollem Ornat dem König zur Hand geht. Die Grundlage ist dieselbe, aber das Ergebnis dennoch ein anderes. Aber wie gesagt, eine gute, süße Bereicherung eines jeden Morgens.

War es also doch möglich, hier ein vollkommenes Frühstück zu erstehen, wenn es nur gelingt die gefährlichen Klippen der Mittelmäßigkeit zu umschiffen? Ein letzter Heißgetränketest sollte Klarheit bringen.

Kaffee (1,80 €) und Doppelter Espresso Macchiato mit Sojamilch (3,00 €)

Kaffee (1,80 €) und Doppelter Espresso Macchiato mit Sojamilch (2,70 €)

Der Kaffee wurde zwar etwas undurchsichtiger geliefert, war aber leider immer noch zu dünn. Ob hier heimlich Homöopathen am Werk sind? Auch der Espresso konnte keinen Gefallen finden. Er war zwar stark genug, aber zu sauer. Wie gesagt: Das Nest ist ein ambivalentes Erlebnis.

Wer sich an edlen Armen Rittern, perfekten Frühstückseiern und leckerem Tee erfreut, kann hier in sehr angenehmer Atmosphäre einige gemütliche Morgenstunden verbringen. Für einen großen Frühstücksrundumschlag oder fortgesetzten Kaffeegenuß sollte dennoch ein anderer Ort aufgesucht werden.

Was allerdings nicht verschwiegen werden soll: Ab Mittag ändert sich das Bild, da sich das Nest auf das Zubereiten warmer, einfacher Mahlzeiten ungleich besser versteht, als auf die frühen Morgenstunden. Im Berlin Lunch Blog bekäme das Nest also durchaus eine gute Empfehlung, die nicht von so vielen Einschränkungen begleitet ist, wie dieser Bericht. Aber das ist eine Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden muss.

Für kurzes Amüsement sorgte das Schild mit einem durchgestrichenen Kinderwagen und der Aufschrift „Alle Parkplätze belegt.“ Was wie die diplomatischste Variante des Barner Pollers wirkt, die uns jemals begegnet ist, entpuppte sich aber tatsächlich als freundlich gemeinter Hinweis: Beim Verlassen des Lokals waren keine Kinderwagen mehr zu sehen und dementsprechend das Schild auch weg.

Das Nest
Görlitzer Str. 52, 10997 Berlin

030 627 357 87
cafenest.de

PS: An diesem Ort entstand übrigens das Bild, dass seitdem traditionsgemäß als ikonifizierter Avatar des Autors gilt.

  1. We are looking at you, Teresa. []
  2. wir wollen an dieser Stelle gnädig darüber hinweg sehen, dass sich der Beutel bereits in der Tasse befand []
  3. beides kostenpflichtig []

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Kadosh

Für diesen Frühstücksblogeintrag reiste das Testteam[1] ins ferne Israel. Nach zwei Wochen Reisen, fanden sich die Tester zu ihrem letzten Urlaubsfrühstück im Kadosh in Jerusalem ein. Das Kadosh befindet sich unweit der Bahnstation City Hall, in einer kleinen Straße parallel zu den Gleisen. Es ist gut zu wissen, wo sich das Kadosh befindet, ansonsten läuft man der kleinen Patisserie und Restaurant schwer zufällig über den Weg. Auch das Team landete aufgrund der Empfehlung einer Jerusalemer Freundin hier.

Das Kadosh ist eigentlich immer gut besucht (das Team kehrte mehrfach während seiner Reise hier ein). Draußen können an kleinen Tischchen und geflochtenen Stühlen die Gäste auf dem Bürgersteig Platz nehmen.

Außenansicht

Außenansicht

Das Kadosh gibt es schon seit den 60er Jahren und drinnen sieht es so aus, als wäre die Zeit seitdem hier stehen geblieben. Die Einrichtung erinnert an ein Wohnzimmer aus den 60ern: dunkle Möbel, die typischen alten Stehlampen, ein altes Radio, zwei alte Ventilatoren rotieren an der Decke, es hängen Bilder und Spiegel an den Wänden.

Innenansicht

Innenansicht

In einer große Glastheke findet man die große Auswahl an hausgemachten Küchlein, Torten Croissants und anderem Gebäck, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Das Kadosh ist bekannt für seine Konditorei, aber es gibt auch einen Restaurantberieb.

Theke

Theke

Die Tester entschieden sich für einen Tisch draußen im Halbschatten. Bedient wird man im Kadosh von jungen Kellnerinnen, die graue 60s Schürzen und weiße Blusen tragen. Wir mussten allerdings ein paar Minuten warten, bevor wir bedient wurden. Die Kellnerin war aber sehr freundlich, entschuldigte sich und reichte uns die Karten.

Die Testerinnen waren sich einig und bestellten beide das Good Morning Breakfast mit frischem Obst, Silan (Dattelhonig), Yoghurt und Müsli. Obendrauf noch einen Milchkaffee und einen frisch gepressten Orangendaft. Das bestellte Frühstücksmenü wurde wiederum schnell an den Tisch gebracht.

Frühstück 'Good Morning' mit Milchkaffee und O-Saft (60 NIS = ca. 12 €)

Frühstück 'Good Morning' mit Milchkaffee und O-Saft (60 NIS = ca. 12 €)

Es schmeckte fantastisch! Das Obst waren frisch, ein paar getrocknete Früchte fanden sich auch noch auf dem Teller, das war Müsli geröstet und karamellisiert ohne dabei zu süß zu sein. Der Naturjoghurt rundete das ganze mit eine säuerlichen Note ab. Geschmacklich ist das Müsli-Frühstückt unbedingt weiterzuempfehlen! Allerdings sind umgerechnet sechs Euro für einen Teller Müsli kein Schnäppchen. Der Milchkaffee war leider einen Ticken zu kalt. Der frisch gepresste Orangensaft hingegen sehr frisch, intesiv-orangig und mit jeder Menge leckerem Fruchtfleisch. Die Kellnerin brauchte allerdings für die Rechnung wieder sehr lange.

Das Essen im Kadosh ist wirklich sehr lecker! Die Testerinnen haben nicht nur am Morgen hier gespeist, sondern haben sich auch das Kuchenprogramm am Nachmittag und das Essen am Abend gegönnt und sprechen eine allumfassende Empfehlung aus! Das Ambiente ist hübsch und besonders etwas für Leute, die gerne eine kleine Zeitreise in vergangene Tage machen. Es würde dem vollbesetzten Kadosh allerdings sehr gut tun noch (mindestens) eine Bedienung mehr einzustellen.

Kadosh
Shlomzion hamalca 6, Jerusalem, Israel

Tel. +97226254210
http://kadoshcafe.rest-e.co.il

  1. bestehend aus K. und Teresa []

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Filed under Netz: Gratis, Nicht wirklich Berlin

Liberda

Das heutige Frühstücksgourmet-Team[1] hat sich auf den Weg nach Neukölln ins Liberda gemacht. Hier galt es zwischen frisch auf alt gemachten Wänden und einfachen Holzmöbeln, die viel zu eng aneinander standen, einen Platz zu finden, den man ohne körperliche Quetschungen besetzen konnte, aber der trotzdem von der Bedienung erreichbar war, zu finden. Wir scheiterten. Am Anfang war zwar noch eine kleine Gasse zur Theke vorhanden, aber im weiteren Verlauf des Tages wurden die Gäste immer mehr ineinander gestapelt.

Innenansicht Liberda

Innenansicht

Am Anfang war aber noch alles überschaubar und die freundliche, wenn auch etwas verhuscht wirkende Servicekraft, vermochte es innerhalb akzetabler TTH[2] einen schwarzen Darjeeling zubereiten zu lassen und zu servieren. Positiv soll hier hervorgestellt werden, dass es sich dabei um losen Tee in einem frischen Filterbeutel handelte, ein Umstand, der den männlichen Teil der Testmannschaft mit hoher Zufriedenheit erfüllte.

Schwarzer Darjeeling 1,80 € (Es gibt auch Grünen)

Schwarzer Darjeeling (1,80 € - Es gibt auch Grünen)

Die von Optionsparalyse betroffene Dame des Teams war nicht so entscheidungsfreudig, entschied sich aber nach reiflicher Überlegung für einen Milchkaffee und ein süßes Frühstück. Damit aber nicht genug der Auswahlmöglichkeiten. In dem süßen Frühstück gab es noch diverse Falltüren: Joghurt oder Vanillequark zu den Früchten? Nutella oder Marmelade? Wurst oder Käse? Nachdem diese Hürden genommen waren, bestellte die Testerin wie im Rausch noch eine Extraportion Parmaschinken, die auch ohne Murrren geliefert wurde.

Süßes Frühstück (4,90 €) mit Extra-Parmaschinken (1,90 €)

Süßes Frühstück (4,90 €) mit Extra-Parmaschinken (1,90 €)

Alle anderen anwesenden Parteien entschieden sich für ein englisches Frühstück. Nicht so sehr, weil danach ein unglaublicher Heißhunger bestand, sondern vielmehr im Dienst am Leser, da ein englisches Frühstück eine weitgehend normalisiert formatierte Standardgröße ist, nach deren Qualität sich leicht Ableitungen auf den Rest eines Etablissements errechnen lassen.

Englisches Frühstück (7,70 €)

Englisches Frühstück (7,70 €)

Die Erwartungen sollten nicht enttäuscht werden, wenn es auch leider die waren, dass sich an einem Frühstück oft Rückschlüsse auf die Gesamtqualität des Angebots schließen lassen. Aber der Reihe nach: Das englische Frühstück erwies sich als weitgehend okay. Zu einer besseren Bewertung konnte es nicht kommen, da sich bei näherer Untersuchung folgende Mängel nachweisen ließen: Die Bohnen waren nur lauwarm, die Würstchen kurz vor fade und der Bacon zu zäh. Lediglich die Orangenmarmelade stach positiv hervor.

Extrastarker Latte Macchiato (3,80 €)

Extrastarker Latte Macchiato (3,80 €)

Das süße Frühstück erwies sich hingegen als eine gute, abwechslungsreiche und sättigende Variante mit frischen Brötchen, die die Testerin ohne große Beanstandung so weiterempfehlen würde, sich allerdings auch damit schwer tat besondere Höhepunkte des Geschmackserlebnisses benennen zu können.

Mousse au Chocolat & Tiramisu. Creme Brulée war leider aus. (je 3,90 €)

Mousse au Chocolat & Tiramisu. Creme Brulée war aus. (je 3,90 €)

Nach dem klimaxlosen Frühstück wurde die Aufmerksamkeit der anwesenden Gourmetiker auf eine simple Tafel gelenkt, welche hausgemachte Desserts versprach, welche ohne weitere Umschweife bestellt wurden. Mittlerweile war der Laden so gut gefüllt, dass sich Bestellungen und Lieferzeiten etwas in die Länge zogen – vielleicht sind anderthalb Servivekräfte für zwei Zimmer voller Leute doch zu wenig.

Als dann die Nachtischbestellungen doch noch zum Vollzug kamen, stellte sich leider heraus, dass die Bedeutungshoheit des Wortes  „hausgemacht“ schamlos ausgenutzt wurde. Sowohl bei der Mousse als auch bei Tiramisu handelt es sich nach einhelliger Expertenmeinung um industriell produzierte Ware oder vielleicht auch langgelagerte Inhouse produzierte Instantsüßspeisen handeln muss, die von einer klebrigen Pappigkeit waren. Vor allem die Schokoladenspeise scheint vor allem für das Reenactment eines bekannten Kurzfilmes gedacht zu sein, bei dem zwei junge Damen und ein Trinkgefäß eine wichtiger Rolle spielen.

Das Liberda ist empfehlenswert für Freunde des antik angetäuschten italienischen Flairs[3], die sich mit einem guten, preislich fairen, aber nicht außergewöhnlichem Frühstück mit leichten Mäkelabstrichen in der B-Note zufrieden geben. Von weiterem Verzehr pappiger Süßspeisen raten die Tester allerdings dringend ab.

Liberda
Pflügerstr. 67, 12047 Berlin

Tel. (030) 62 90 33 67

 

  1. bestehend aus M. und Teresa []
  2. Time To Heißgetränk []
  3. das bedeutet auch: beengete Sitzverhältnisse []

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Filed under À la carte, Netz: Gratis, Neukölln

Bateau Ivre

Schon beim Betreten des Ladens, der wie eine Mischung aus aufgeräumter Rumpelkammer und großzügiger Kemenate wirkt, wird klar: Hier erwartet den Besucher der entspannt-kumpelhafte Charme dessen, was Touristen und vor weniger als zehn Jahren Hinzugezogene für authentischen Kreuzberger Stil halten. Die Bedienung wird noch von Erwachsenen erledigt, die Scheiben könnten mal geputzt werden, Tischdecken sind unnötig.

Den besonderen Kreuzberger Charme beweist eingangs einer der Gästebetreuer (mit Hut), der einem Teil des Dokumentationsteams[1] sofort auf die Pelle rückt, als dieser versucht, ein Panoramabild der Örtlichkeit zu erstellen: „Du mußt aber fragen, bevor Du den Leuten die Gesichter klaust!“ Hier herrschen noch diskrete Sitten, hier kümmert sich der Wirt noch um die Belange seiner Kunden. Entsprechend haben wir selbstredend die Gesichter im Panoramabild unkenntlich gemacht.

panorama-blick

Nehmt Euch ein Vorbild an uns.

Fortan scheint es, als hege der Schankwirt einen empfindlichen Groll gegen den Fotographen, doch bevor der sich einen Sekundanten besorgt, wird doch noch eine Bestellung entgegengenommen. Kamillentee, und zwar nicht im schnöden Papierbeutel, sondern frisch und lose, wie es sich gehört.

kamillentee

Kamillentee: 2,30 €.

Derart gut gestimmt wird das eigentliche Frühstück geordert. Die Auswahl in der Karte ist hier, wir sagen wir es mal diplomatisch, übersichtlich. 46halbes mutige Frage nach einem Rührei, das auf der Karte nicht zu finden ist, wird mit einer Absage quittiert. Doch eine schlanke Karte ist ja oft ein ansprechendes Zeichen einer Küche, die sich auf die wesentlichen, aber dafür guten Dinge konzentriert. So auch hier, denn das Essen findet schon nach wenigen Minuten seinen Weg zu unserem Platz, allerdings etwas anders, als sich die Expeditionsgruppe das vorgestellt hat.

Vor 46halbes Nase manifestiert sich ein köstlich aussehender, aber leider nicht bestellter Joghurt mit Früchten, den sie sogleich ins Herz schließt. Der Fotobeweis zeigt die optischen Reize:

fruechte-joghurt

(Unbestellte) Früchte mit Joghurt: 4 €.

Mit Gegenwehr reagiert sie auf die versuchte Wegnahme des Joghurts, was verhaltenspsychologisch in gewisser Weise eine Selbstverständlichkeit ist. monoxyd kann zwar nicht an sich halten und erklärt dem Kellner, daß wir das nicht bestellt hätten. Doch 46halbe kann mit geübtem Rehblick genug Überzeugungskraft aufbringen, um den Joghurt behalten und verspeisen zu dürfen.

franzose

Frühstück „Der Franzose“, 3,80 €.

Das von 46halbe regulär bestellte Frühstück „Der Franzose“ ist ein frugales Mahl, nur bestehend aus einem Croissant, etwas Erdbeermarmelade, dazu Butter und ein Milchkaffee inklusive. Zusätzlich gibt es ein Stück in Scheiben geschnittenes Baguettebrot. Für 46halbe ist es der perfekte Morgen, allerdings nur, weil auch der Joghurt seinen schicksalhaften Weg zu ihr gefunden hat.

Nach dem Essen wird sogar noch ein zweiter Milchkaffee (2,30 Euro) bestellt, auch weil die entspannte Atmosphäre, das eingespielte und freundliche Service-Team zum Verweilen anregt. Trotz anwesenden Hunden, Babies und laufender Musik ist es nicht wirklich laut im Laden, sondern in normaler Gesprächslautstärke zu weiteren Heißgetränken einladend.

wurstfruehstueck

Wurstfrühstück, klein: 5 €.

Da monoxyd von vornherein klar ist, daß ein frugaler Franzose lediglich eine Ergänzung sein kann, bestellt er ein Wurstfrühstück in der kleinen Variante. Anfängliche Bedenken, es könne sich hier um einen carnivoren Minimalteller handeln, zerstreuen sich ebenso schnell wie die Befürchtung, daß hier billige Plastewurst gereicht wird. Es handelt sich vielmehr um eine ansprechende Menge fleischlicher Genüsse, die höchst zufriedenstellend aussehen und schmecken.

Bemerkenswerterweise gibt es dieses Frühstück auch noch in „mittel“ und „groß“ sowie in den Ausprägungen „Käse“ und „gemischt“, hier ist also für jeden nicht-veganen Geschmack ausreichend gesorgt. Als ebenso positive Überraschung erweist sich das zusätzlich georderte Frühstücksei, das in Kochzeit und Konsistenz der Perfektion erstaunlich nahekommt.[2]

ei

Ei, gekocht: ein €.

Mit anderen Worten: Die Speisen sind ein voller Erfolg und machen den natürlichen Kreuzberger Charme und anfängliche Irritationen mehr als wett, und auch die koffeinhaltigen Heißgetränke sind annehmbar bis gut. Um uns herum bemerken wir allerdings andere Frühstücksgewohnheiten: Wie Ur-Kreuzberger wirkende Gestalten bestellen statt Kaffee und Brötchen einfach Rotwein und Wasser. Kann natürlich auch sein, daß das als Touristenattraktion nur simuliert wird. :}

Hingehen sollten alle, die sich mit einem guten, kräftigen Frühstück, Überraschungsservierungen, Laptop-freien Stunden und einer gewissen Punk-Attitüde anfreunden können. Letzteres ist weit mehr als leeres Geschwafel, was ein kurzer Blick in die Sanitäranlagen zeigt, der beweist, daß hier der Begriff „Porzellanthron“ wörtlich genommen wird, denn etwaige frei schwenkbare Auflagen zur Bequemlichkeit wurden vollständig entfernt. Ob das damit zu tun hat, daß Gäste, die schon in den frühen Morgenstunden dem ein oder anderen Glas Wein nicht abgeneigt sind, keine Seltenheit zu sein scheinen, müßte allerdings in einer Langzeitstudie untersucht werden.

Bateau Ivre
Oranienstr. 18, 10999 Berlin
Tel. (030) 614 03 659
Außenansicht

  1. 46halbe war mit monoxyd unterwegs, der nichtsahnenderweise die Kamera schwang. []
  2. Das Weiße hart, das Gelbe weich, aber nicht zu flüssig. []

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Filed under À la carte, Kreuzberg

The Barn

Mittags rum in Berlin einen überdurchschnittlichen Kaffee zu bekommen, ist in den letzten Jahren leichter geworden. Mehrere bemerkenswerte Kaffeeläden und -röstereien haben eröffnet, ein paar mit hohem eigenen Anspruch. Dazu gehört The Barn, dessen neue und größere Filiale in der Schönhauser wir kurz nach der Eröffnung unter die Lupe nehmen wollten.[1]
Betritt man den Laden zum ersten Mal, fallen sofort die großen ungenutzten Flächen ins Auge. Die typische Aufteilung in Berliner Cafés orientiert sich häufig an der Optimierung des Raumes, was Sitzplätze, Tische und Tresen angeht. Nicht so im The Barn: An den Wänden und Fenstern sind einige wenige Bänke und Hocker, minimale flache Tischchen davor. Der Rest des Raumes besteht aus kahlem Boden. Der riesige Tresen wirkt so wie der Altar einer Kathedrale.
kathedrale

Holz und warmes Licht.

Welchen Sitzplatz man auch immer wählt, man hat ein „no laptop“-Schild in Sichtweite. Ein gewisses Verständnis für die Absicht des Betreibers, nicht noch ein weiteres der Berliner Cafés zu werden, das zum Zweitbüro für die Horden an Pseudokreativen mutiert, werden vermutlich viele Besucher aufbringen. Aber durch die Schilder setzt trotzdem ein Gefühl ein, das eine Art Leitmotiv unseres Besuches werden soll: Bevormundung.
no laptop

Keine Computer erwünscht, Mobiltelefone aber geduldet.

Angenehmerweise wird man im The Barn zwar nicht mit zu lauter oder unpassender Musikkulisse zwangsbeschallt,[2] aber den wirklich unangenehmen Aspekt der Bevormundung bekommt man gerade dann zu spüren, wenn es um Kaffee geht.
kaffee an tischchen

Guter Kaffee ist nicht billig.

Ein Beispiel ist die Frage der Milchabgabe an Gäste. Man mag es für selbstverständlich halten in einem Kaffeeladen, daß manche Menschen ihren Kaffee mit Milch mögen und sie daher angeboten wird. Im The Barn jedoch bekommt man nur eine Sorte Kaffee mit Milch. Es wird zwar auf die elaborierten neudeutschen Bezeichnungen für koffeinhaltige Heißgetränke wie Cappuccino, Flat White, Café au lait und dergleichen verzichtet, es gibt auch nur drei Größen an ausgeschenktem Kaffee (4oz, 8oz und 12oz), allerdings wird man aus der vorhandenen Auswahl an Bohnen auf eine einzige Sorte festgelegt, die man mit Milch genießen darf. Auch auf Nachfrage bekommt man keinen anderen Kaffee mit Milch.
roester

1955er Probat-Röstmaschine, drinnen läuft die „Cropster Roast Profiling Software“.

Wir haben also nur die Wahl zwischen einer aeropress-Zubereitung und klassischem Filterkaffee. Dies wird zudem mit geübtem geringschätzigen Blick mitgeteilt, der einen auch gleich beim Gang zum Zucker – nur um die Säure zu bändigen! – begleitet. Immerhin kommt der Zucker mit einem mehr oder weniger freundlichen Hinweis neben dem Schälchen.
hinweisschild am zucker

„We find that you get the best impression of all flavours of our coffee when you enjoy it without sugar.“ Wir nicht.

Zweifelsohne entstehen die Espresso-shots auf der Marzocco unter größter Mühwaltung, wir fragen uns jedoch, ob angesichts der guten Lage für Laufkundschaft aller Couleur an der Schönhauser es denn nun wirklich für den Milchkaffee eine Bohne sein muß, die maximal einen Nischengeschmack bedient. Man kommt sich ein wenig vor wie in einem Programmkino, dessen Ausstattung und Technik Spitzenklasse ist, aber das in der Auswahl des Programms und im Service provinziell bleibt.
Zucker aus Mauritius

Unbehandelter Zucker aus Mauritius, reich an Vitaminen und Mineralien.

Neben „no milk“ und „no laptop“ gilt auch der Grundsatz „no pram“, forciert durch einen Anti-Kinderwagen-Poller an der Tür. Über diese Kinderwagensperren wird schon länger diskutiert, auch da sie in Berlin gefühlt leicht steigende Tendenz aufweisen. Doch solche Diskussionen bleiben reichlich abstrakt, bis man mal Augenzeuge wird, wie solche Poller in der Praxis funktionieren.
kinderwagenblockierer

So sieht ein Kinderwagenblockierer aus.

Denn tatsächlich betritt eine Mama mit Wagen zum Ende unseres Besuches hin das Lokal. Vielmehr versucht sie es, denn der Poller blockiert den Kinderwagen. Der Grund der Blockade ist für den Schiebenden des Gefährts aber nicht unmittelbar sichtbar, so daß sie anfangs versucht, an der Sperre vorbeizufahren, während der Barista hinter dem Tresen abwartend gespannte Haltung annimmt. Erst als die Mutter versteht, daß es sich um eine dafür konstruierte Kinderwagensperre handelt, machen sie und ihre Begleiterin kehrt.
Die Szene löst bei 46halbe den Reflex aus, den Laden umgehend zu verlassen. Wir verzichten auf das Ausprobieren der Nahrung, es war ohnehin mal wieder alles voller Tomaten.
Hingehen sollten alle kinderlosen laktoseintoleranten Liebhaber saurer Kaffees, die des Englischen mächtig sind und gern bei einem makellos zubereiteten koffeinhaltigen Heißgetränk in aller Stille ihre Klaustrophobie in einem wie von Werbern erdachten „back to the basic“-Kaffeekathedralenambiente auskurieren möchten. Kaffeephilister hingegen werden hier die Nase rümpfen.
  1. 46halbe hat sich mit nibbler einen echten Kaffeeliebhaber als Unterstützung angelacht. []
  2. Vermutlich dank GEMA ohnehin ein zu kostspieliges Unterfangen. []

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Filed under Nicht wirklich Frühstück, Prenzlauer Berg