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Sybille

Die „Sybille“ ist nicht nur dem Namen nach ostig. Wer irgendwas anderes denkt, wenn er zum ersten Mal vor dem Café Sibylle steht, hat wahrscheinlich die Gnade später Geburt erfahren und weiß deshalb mit dem Begriff gar nichts anzufangen. Das Team[1] ist nicht ganz zeitgleich angekommen, ein Platz am großen Fenster aber gar kein Problem, denn wochentags am späten Vormittag ist die „Sybille“ nicht gerade überfüllt. Also bietet es sich für uns an, doch mal herauszufinden, ob das nur am inzwischen etwas ungünstig gelegenen Ort des Lokals in der Karl-Marx-Allee liegt, der nicht mehr als beliebte Frühstücksecke bekannt ist. Die besten Zeiten hat die ehemalige Flaniermeile schließlich hinter sich, auch die jüngsten Wiederbelebungsversuche verfangen nur mäßig.

innenraum sybille

Blick in den Innenraum der „Sybille“.

Der Blick aus dem Fenster legt die merkwürdige architektonische Schönheit des „Sozialistischen Realismus“ der Karl-Marx-Allee (bis 1961 Stalinallee) frei, die steingewordene Utopie einer sozialistischen Straße, deren ausladend und pathetisch überhöhtes Antlitz einst die Arbeiter, Bauern und Stutzer der jungen DDR beim Flanieren auf ihre frische volksdemokratische Herrschaftsrolle hinweisen sollte.

stalinallee

Blick aus dem großen Fenster der „Sybille“ auf die Karl-Marx-Allee.

Wir setzen uns also in das ein wenig nostalgisch gestaltete Lokal, das mit allerhand Kunst an den Wänden bestückt ist, und bestellen zuerst die koffeinhaltigen Heißgetränke, die uns ohne lange Verzögerung gereicht werden. Der Tee, Geschmacksrichtung „Bergkräuter“, den monoxyd geordert hat, kommt nicht gut an.

kraeutertee

Kräutertee: 2,20 €.

Er bemerkt dazu, daß dieser „am oberen Ende der Abgespackt-Skala“ liege. Wir wissen auch nicht so genau, was er damit meint, schauen aber möglichst neutral in seine Richtung. Ein Kompliment soll es seinem Gesichtsausdruck nach wohl nicht sein.

zwei latte

Latte macchiato: je 2,90 €.

Der Kaffee muss leider das Prädikat „lappig“ bekommen. Er wird mit einem kurzen „Tschüssikowski“ hinabgestürzt.

espresso

Espresso: 2,20 €.

Auch der später bestellte Espresso ist schwach, erstaunlich schwach – es scheint, die Tradition des Blümchenkaffees würde in der „Sybille“ hochgehalten. Da tröstet nur die entgegenkommende Bedienung und eine große Kirsch-Schorle (0,4 l für 3,50 €).

ruehrei

Rührei mit Kräutern (3,80 €) und das Französisches Frühstück (2,50 €).

Die Auswahl der Frühstücke in der Karte ist zwar ein wenig dürftig, aber ein schönes Rührei mit Brot und Butter findet sich immer, dazu ein Französisches Frühstück mit einem Croissant, Marmelade und Butter, für das sich in dieser Kombination sowohl monoxyd als auch 46halbe entscheiden. Klingt eben nach einem perfekten Morgen. Das Rührei kommt über die Bewertung „ganz gut“ allerdings dann doch nicht hinaus.

continental

Frühstück „Continental“: 4,95 €.

Das von erdgeist erwählte „Continental“, das in der Rechnung später als „Deftiges“ verzeichnet ist, stellt sich als solides Frühstück mit hohem Grünanteil heraus: etwas Salami, Schinken, Käse, Marmelade und Butter. Auch diese Zusammenstellung erinnert ein wenig an die DDR, wenn man das viele Grün abzieht. Vielleicht kommt doch noch der eine oder andere Wendehals ganz gern in das Lokal, in der Gegend sollen ja überproportional viele gelebt haben. Wir genehmigen uns jedenfalls noch ein paar koffeinhaltige Heißgetränke und beginnnen danach frohgemut den Tag.
Hingehen sollten alle, die liebevollen Service und ein gutes Preis-Leistung-Verhältnis zu schätzen wissen, das mit insgesamt 34,55 Euro für drei hungrige Mäuler mit Koffeinmangel wirklich wenig zu meckern übrig läßt.

Sybille

Karl-Marx-Allee 72, 10243 Berlin
Tel. (030) 29 35 22 03

Webseite

  1. Diesmal waren monoxyd, 46halbe und Herr erdgeist als Testpersonen unterwegs. []

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Kahrmann’s Own

Als die Welt noch in den Fugen war, die Sonne noch jeden Tag schien, haben wir ein zuvor noch nicht erprobtes Frühstücksangebot austesten wollen. Nachdem wir den besten Platz des Lokals[1] erobert und uns gesetzt haben, dauert es nicht lange, bis die Bedienung an unseren Tisch kommt. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, entsprechend verkünden wir freudestrahlend: »Wir würden gern frühstücken.« Der geplante perfekte Morgen beginnt mit einer herben Enttäuschung: »Frühstück? Da seid ihr hier falsch.«

Dieser Dialog zwischen uns[2] und der Bedienung findet im »Kahrmann’s Own« in der Bötzowstraße statt, unweit vom Volkspark Friedrichshain. Dem Barista fällt aber sofort auf, daß er sich wohl unvorteilhaft ausgedrückt hat und setzt rasch hinzu: »Hier gibt es kein klassisches Frühstück, aber dafür belegte Stullen. Und Suppe.« Suppe zum Frühstück? Warum nicht, sagen wir uns.

speisetafel

Blick zum Tresen.

Die Speise- und Getränkekarte besteht aus einer großen Tafel hinter der Bar und ist angenehm übersichtlich. 46halbe entscheidet sich spontan für eine Stulle mit Frischkäse. Leider bekommt sie erneut einen Korb. Frischkäse steht leider nicht auf der Karte und ist somit nicht lieferbar. Wir hatten die Karte eher für eine Richtlinie gehalten, aber wählen schließlich doch etwas aus ihrem Angebot: Da es weder Chorizo noch Mortadella gibt, wir aber dem Schweinesystem verhaftet bleiben, wählen wir Serranoschinken.

flat white

Flat White und Caffè Latte, 2,20 und 2,60 €.

Der dazu bestellte Flat White sowie ein Caffè Latte kommen ziemlich schnell, leider haben wir die TTL nicht gemessen. Zeitgleich gesellt sich ein Orangensaft dazu, der (absichtlich) ohne Glas genossen wird. Als 46halbe nach qualitativen Aussagen bezüglich der koffeinhaltigen Gaumenfreuden drängt, erschrecken wir ein wenig darüber, daß uns der Kaffee nicht weiter auffällt, da er einfach gut ist. Er paßt zum perfekten Platz im Lokal.

Für regen Kontakt mit der sehr verbindlichen Bedienung ist spätestens gesorgt, als die Speisen serviert werden. Denn die Vorstellungen von der perfekten Anzahl an Tomatenscheiben auf der Stulle gegen offenbar weit auseinander. Bei 46halbe ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten, daß die rote Pest einfach überall zwischengeklemmt wird, dennoch ist das ewige vorsichtige Rauspökeln der tropfenden Tomaten überaus lästig.

stullen

Stulle mit Tomate und Mozzarella: 3,30 €, Stulle mit Serranoschinken: 3,60 € (ohne Abbildung).

Die Stulle von sak war solide, der Mozzarella war nicht besonderes geschmacksintensiv – aber das erwartet man außerhalb Italiens auch nicht ernsthaft. Erfreulicherweise wurde kein Schindluder mit grünem Pesto getrieben, die Stulle enthielt frischen Basilikum. Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß beide Stullen getoastet waren, was viele mögen, aber manche eben nicht.

sak hat die Angewohnheit, noch Zeitung auf totem Baum zu lesen, bringt diesmal sogar zwei Exemplare mit, weil auf dem Weg von Frankfurt bis Berlin ein katholisches Bundesland liegt.[3] Das ist im »Kahrmann’s Own« jedoch unnötig, da auf dem Nebentisch eine Armada an papiernen Postillen liegt, allerdings an oberster Stelle die peinliche Zeitung mit den sehr großen Buchstaben. Das gibt Abzug in der B-Note.

Die Suppe von 46halbe stellt sich als ein wahres Gedicht heraus, auch ohne Würstchen, die nicht mitbestellt wurden, aber dafür Trüffelöl. Das Lob an die Köchin läuft allerdings ins Leere, sie bleibt anonym, genau wie die sonstigen Gewürze. Auf Rückfrage an die Bedienung, welche Gewürze die Kartoffelsuppe so bemerkenswert köstlich machen, erhalten wir keine sachdienliche Auskunft. Wir wissen daher nicht, was die Suppe so wohlschmeckend macht.

suppe

Kartoffelcrèmesuppe, 3,90 €, optional mit geschnittenen Würstchen: 4,50 € (ohne Abbildung).

46halbe bestellt nach dem Essen noch einen weiteren Flat White. »Ich schließe mich dem an«, sagt sak. »Kein Problem, ich mach einfach zwei Strohhalme rein«, lacht uns der Barista an, der offenkundig gute Laune hat. Er und das gesamte Ambiente lassen ein Wohlgefühl aufkommen, auch die Musik im Hintergrund ist angenehm. Keine Café-del-Mar-Fahrstuhlmusik, sondern ein paar Cover-Versionen, etwa vom alten Violent Femmes-Klassiker »Gone, Daddy, Gone«, den nicht mal Shazam kennt.

klingel

Die Klingel auf dem Tresen.

Ein besonderes Feature erregt noch unsere Aufmerksamkeit: Ist der Barkeeper mal in der Küche (»raus aus dem Hygienebereich!«), kann man nach ihm klingeln. Schlägt man aber die bereitstehende Klingel auf dem Tresen an, hörte man ein lautes – Nichts; sie bleibt stumm. Der Mechanismus muß ein anderer, unsichtbarer und unhörbarer sein: Die Bedienung erscheint dennoch. :}

Hingehen sollten alle, die unter Frühstück in erster Linie Kaffee verstehen und nicht zwingend Obst-Origami oder andere Roßtäuscher-Ablenkungsmanöver auf dem Frühstücksteller benötigen. Wer ein Fernsehempfangsgerät besitzt, wird vielleicht den Namensgeber und Besitzer aus der Lindenstraße kennen. Ob das jetzt ein Grund für oder gegen den Besuch ist, bleibt natürlich dem Leser überlassen.

Kahrmann’s Own
Bötzowstr. 21, 10407 Berlin
Tel. (030) 330 290 26
Außenansicht

  1. siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Locus_amoenus []
  2. 46halbe war mit sak unterwegs, der keine digitale Kamera besitzt und daher sein Unfairphone für die Fotos nutzte. []
  3. Aufgrund des Feiertags http://de.wikipedia.org/wiki/Mari%C3%A4_Himmelfahrt wurde die Donnerstagszeitung nicht ausgeliefert. []

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Nest

Das Nest

Das Nest

Teilen des Frühstücksteams[1] sind viele in Berlin verfügbare Frühstückslokalitäten bekannt. Aber nur deswegen, weil sie den größeren Teil ihres Medienelitenbohemianlebens zu späterer Stunde mit alkoholischen Getränken an ebenjenen Orten verbringen, die es einfach versäumen nach der Frühstückszeit ihre Pforten zu schließen.

Das in Kreuzberg ansässige Nest gehört, genau wie das Bateau Ivre, zu diesen Orten. Für unsere Leser sind aber keine Mühen zu klein, deswegen wurde zu nachtschlafender Zeit (das Nest öffnet um 10:00 Uhr) der Rand des Görlitzer Parks besucht, um die übersichtliche, aber wohlsortierte Frühstückskarte des Nests zu durchforsten.

Milchkaffee (2,80 €) und Darjeeling (2,20 €)

Milchkaffee (2,80 €) und Darjeeling (2,20 €)

Ein Erlebnis, dass sich als ambivalent herausstellen sollte. Schon die erste Lieferung Heißgetränke kann dafür als Beispiel herhalten. Während der Darjeeling zwar lose im Beutel angeliefert wurde[2], entpuppte sich der Milchkaffee als wässrig. Also so, dass die herzkranke Großmutter vielleicht ihren Hochgenuß daran gefunden hätte, aber der unterkoffeinierte Berufsjugendliche einer schlimmen Zumutung ausgesetzt war.

Nichtsdestotrotz wurden in selten synchroner Simultanübereinstimmung „Gemischte Frühstücke“ bestellt, die jeweils durch ein gekochtes Ei und in einem Fall noch durch ein Zusatzcroissant[3] erweitert wurden. Noch bevor eine Bewertung der Verspeisung vorgenommen werden konnte, fiel auf, dass die gut bestückte Frühstücksplatte keinen Platz mehr für eine Auf- und Belegung der mitgelieferten Teigwaren bot, so dass ein zusätzlicher Teller wohl angebracht gewesen wäre.

Gemischtes Frühstück (6,40 €) mit Ei {1,20 €) und Croissant (1,50 €)

Gemischtes Frühstück (6,40 €) mit Ei {1,20 €) und Croissant (1,50 €)

Das Frühstück selbst entpuppte sich als akzeptabel mit kleinen Abstrichen. Menge und Auswahl waren zwar völlig zufriedenstellend, aber leider stellte sich heraus, dass den anwesenden Wurst- und Käsespezialitäten leider das Spezielle fehlte. Vielmehr muss unterstellt werden, dass sie aus einer handelsüblichen Supermarktplastikpackung entnommen wurden, wie sich an dieser bildlichen Darstellung eines Käselappens sehr gut nachvollziehen lässt.

Käse, lapprig

Käse, lapprig

Aber bevor sich allgemeiner Hass breit machen konnte und das Nest von einer Welle gerechten Zorns durchfegt wurde, beruhigte das mitgelieferte Ei die erhitzten Gemüter. Es muss neidlos postuliert werden, dass  in den Weiten der Berliner Frühstückswelt selten eine Hühnerperiode so perfekter Konsistenz serviert wurde.

Frühstücksei perfekter Konsistenz

Frühstücksei perfekter Konsistenz

Dermaßen hochgradig verwirrt und trotz abwertender Tendenzen unentschlossen, wurde ob eines endgültigen Urteils ein Kleinod bestellt, dass den Frühstückgast zwischen den herkömmlichen Morgenmahlzeiten aus der Karte anlacht. Arme Ritter. Mit Apfelkompott. Schlimmes Resteessen oder kulinarische Offenbarung? Das auswurfartige Foto lässt nichts Gutes vermuten und auch die getrockneten Bananenscheiben sorgten bei der Hälfte aller befragten Testsubjekte für Irritation und Unbehagen.

Arme Ritter mit Apfelkompott (4,20 €)

Arme Ritter mit Apfelkompott (4,20 €)

Das Apfelkompott hätte zwar warm sein können, aber dennoch erfreute der winterliche, leicht zimtige Geschmack den Gaumen. Mit den herkömmlichen Armen Ritter hat das aber nur entfernt zu tun, es handelt sich eher um die Variante des Hofritters, der in vollem Ornat dem König zur Hand geht. Die Grundlage ist dieselbe, aber das Ergebnis dennoch ein anderes. Aber wie gesagt, eine gute, süße Bereicherung eines jeden Morgens.

War es also doch möglich, hier ein vollkommenes Frühstück zu erstehen, wenn es nur gelingt die gefährlichen Klippen der Mittelmäßigkeit zu umschiffen? Ein letzter Heißgetränketest sollte Klarheit bringen.

Kaffee (1,80 €) und Doppelter Espresso Macchiato mit Sojamilch (3,00 €)

Kaffee (1,80 €) und Doppelter Espresso Macchiato mit Sojamilch (2,70 €)

Der Kaffee wurde zwar etwas undurchsichtiger geliefert, war aber leider immer noch zu dünn. Ob hier heimlich Homöopathen am Werk sind? Auch der Espresso konnte keinen Gefallen finden. Er war zwar stark genug, aber zu sauer. Wie gesagt: Das Nest ist ein ambivalentes Erlebnis.

Wer sich an edlen Armen Rittern, perfekten Frühstückseiern und leckerem Tee erfreut, kann hier in sehr angenehmer Atmosphäre einige gemütliche Morgenstunden verbringen. Für einen großen Frühstücksrundumschlag oder fortgesetzten Kaffeegenuß sollte dennoch ein anderer Ort aufgesucht werden.

Was allerdings nicht verschwiegen werden soll: Ab Mittag ändert sich das Bild, da sich das Nest auf das Zubereiten warmer, einfacher Mahlzeiten ungleich besser versteht, als auf die frühen Morgenstunden. Im Berlin Lunch Blog bekäme das Nest also durchaus eine gute Empfehlung, die nicht von so vielen Einschränkungen begleitet ist, wie dieser Bericht. Aber das ist eine Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden muss.

Für kurzes Amüsement sorgte das Schild mit einem durchgestrichenen Kinderwagen und der Aufschrift „Alle Parkplätze belegt.“ Was wie die diplomatischste Variante des Barner Pollers wirkt, die uns jemals begegnet ist, entpuppte sich aber tatsächlich als freundlich gemeinter Hinweis: Beim Verlassen des Lokals waren keine Kinderwagen mehr zu sehen und dementsprechend das Schild auch weg.

Das Nest
Görlitzer Str. 52, 10997 Berlin

030 627 357 87
cafenest.de

PS: An diesem Ort entstand übrigens das Bild, dass seitdem traditionsgemäß als ikonifizierter Avatar des Autors gilt.

  1. We are looking at you, Teresa. []
  2. wir wollen an dieser Stelle gnädig darüber hinweg sehen, dass sich der Beutel bereits in der Tasse befand []
  3. beides kostenpflichtig []

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Liberda

Das heutige Frühstücksgourmet-Team[1] hat sich auf den Weg nach Neukölln ins Liberda gemacht. Hier galt es zwischen frisch auf alt gemachten Wänden und einfachen Holzmöbeln, die viel zu eng aneinander standen, einen Platz zu finden, den man ohne körperliche Quetschungen besetzen konnte, aber der trotzdem von der Bedienung erreichbar war, zu finden. Wir scheiterten. Am Anfang war zwar noch eine kleine Gasse zur Theke vorhanden, aber im weiteren Verlauf des Tages wurden die Gäste immer mehr ineinander gestapelt.

Innenansicht Liberda

Innenansicht

Am Anfang war aber noch alles überschaubar und die freundliche, wenn auch etwas verhuscht wirkende Servicekraft, vermochte es innerhalb akzetabler TTH[2] einen schwarzen Darjeeling zubereiten zu lassen und zu servieren. Positiv soll hier hervorgestellt werden, dass es sich dabei um losen Tee in einem frischen Filterbeutel handelte, ein Umstand, der den männlichen Teil der Testmannschaft mit hoher Zufriedenheit erfüllte.

Schwarzer Darjeeling 1,80 € (Es gibt auch Grünen)

Schwarzer Darjeeling (1,80 € - Es gibt auch Grünen)

Die von Optionsparalyse betroffene Dame des Teams war nicht so entscheidungsfreudig, entschied sich aber nach reiflicher Überlegung für einen Milchkaffee und ein süßes Frühstück. Damit aber nicht genug der Auswahlmöglichkeiten. In dem süßen Frühstück gab es noch diverse Falltüren: Joghurt oder Vanillequark zu den Früchten? Nutella oder Marmelade? Wurst oder Käse? Nachdem diese Hürden genommen waren, bestellte die Testerin wie im Rausch noch eine Extraportion Parmaschinken, die auch ohne Murrren geliefert wurde.

Süßes Frühstück (4,90 €) mit Extra-Parmaschinken (1,90 €)

Süßes Frühstück (4,90 €) mit Extra-Parmaschinken (1,90 €)

Alle anderen anwesenden Parteien entschieden sich für ein englisches Frühstück. Nicht so sehr, weil danach ein unglaublicher Heißhunger bestand, sondern vielmehr im Dienst am Leser, da ein englisches Frühstück eine weitgehend normalisiert formatierte Standardgröße ist, nach deren Qualität sich leicht Ableitungen auf den Rest eines Etablissements errechnen lassen.

Englisches Frühstück (7,70 €)

Englisches Frühstück (7,70 €)

Die Erwartungen sollten nicht enttäuscht werden, wenn es auch leider die waren, dass sich an einem Frühstück oft Rückschlüsse auf die Gesamtqualität des Angebots schließen lassen. Aber der Reihe nach: Das englische Frühstück erwies sich als weitgehend okay. Zu einer besseren Bewertung konnte es nicht kommen, da sich bei näherer Untersuchung folgende Mängel nachweisen ließen: Die Bohnen waren nur lauwarm, die Würstchen kurz vor fade und der Bacon zu zäh. Lediglich die Orangenmarmelade stach positiv hervor.

Extrastarker Latte Macchiato (3,80 €)

Extrastarker Latte Macchiato (3,80 €)

Das süße Frühstück erwies sich hingegen als eine gute, abwechslungsreiche und sättigende Variante mit frischen Brötchen, die die Testerin ohne große Beanstandung so weiterempfehlen würde, sich allerdings auch damit schwer tat besondere Höhepunkte des Geschmackserlebnisses benennen zu können.

Mousse au Chocolat & Tiramisu. Creme Brulée war leider aus. (je 3,90 €)

Mousse au Chocolat & Tiramisu. Creme Brulée war aus. (je 3,90 €)

Nach dem klimaxlosen Frühstück wurde die Aufmerksamkeit der anwesenden Gourmetiker auf eine simple Tafel gelenkt, welche hausgemachte Desserts versprach, welche ohne weitere Umschweife bestellt wurden. Mittlerweile war der Laden so gut gefüllt, dass sich Bestellungen und Lieferzeiten etwas in die Länge zogen – vielleicht sind anderthalb Servivekräfte für zwei Zimmer voller Leute doch zu wenig.

Als dann die Nachtischbestellungen doch noch zum Vollzug kamen, stellte sich leider heraus, dass die Bedeutungshoheit des Wortes  „hausgemacht“ schamlos ausgenutzt wurde. Sowohl bei der Mousse als auch bei Tiramisu handelt es sich nach einhelliger Expertenmeinung um industriell produzierte Ware oder vielleicht auch langgelagerte Inhouse produzierte Instantsüßspeisen handeln muss, die von einer klebrigen Pappigkeit waren. Vor allem die Schokoladenspeise scheint vor allem für das Reenactment eines bekannten Kurzfilmes gedacht zu sein, bei dem zwei junge Damen und ein Trinkgefäß eine wichtiger Rolle spielen.

Das Liberda ist empfehlenswert für Freunde des antik angetäuschten italienischen Flairs[3], die sich mit einem guten, preislich fairen, aber nicht außergewöhnlichem Frühstück mit leichten Mäkelabstrichen in der B-Note zufrieden geben. Von weiterem Verzehr pappiger Süßspeisen raten die Tester allerdings dringend ab.

Liberda
Pflügerstr. 67, 12047 Berlin

Tel. (030) 62 90 33 67

 

  1. bestehend aus M. und Teresa []
  2. Time To Heißgetränk []
  3. das bedeutet auch: beengete Sitzverhältnisse []

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Filed under À la carte, Netz: Gratis, Neukölln

Bateau Ivre

Schon beim Betreten des Ladens, der wie eine Mischung aus aufgeräumter Rumpelkammer und großzügiger Kemenate wirkt, wird klar: Hier erwartet den Besucher der entspannt-kumpelhafte Charme dessen, was Touristen und vor weniger als zehn Jahren Hinzugezogene für authentischen Kreuzberger Stil halten. Die Bedienung wird noch von Erwachsenen erledigt, die Scheiben könnten mal geputzt werden, Tischdecken sind unnötig.

Den besonderen Kreuzberger Charme beweist eingangs einer der Gästebetreuer (mit Hut), der einem Teil des Dokumentationsteams[1] sofort auf die Pelle rückt, als dieser versucht, ein Panoramabild der Örtlichkeit zu erstellen: „Du mußt aber fragen, bevor Du den Leuten die Gesichter klaust!“ Hier herrschen noch diskrete Sitten, hier kümmert sich der Wirt noch um die Belange seiner Kunden. Entsprechend haben wir selbstredend die Gesichter im Panoramabild unkenntlich gemacht.

panorama-blick

Nehmt Euch ein Vorbild an uns.

Fortan scheint es, als hege der Schankwirt einen empfindlichen Groll gegen den Fotographen, doch bevor der sich einen Sekundanten besorgt, wird doch noch eine Bestellung entgegengenommen. Kamillentee, und zwar nicht im schnöden Papierbeutel, sondern frisch und lose, wie es sich gehört.

kamillentee

Kamillentee: 2,30 €.

Derart gut gestimmt wird das eigentliche Frühstück geordert. Die Auswahl in der Karte ist hier, wir sagen wir es mal diplomatisch, übersichtlich. 46halbes mutige Frage nach einem Rührei, das auf der Karte nicht zu finden ist, wird mit einer Absage quittiert. Doch eine schlanke Karte ist ja oft ein ansprechendes Zeichen einer Küche, die sich auf die wesentlichen, aber dafür guten Dinge konzentriert. So auch hier, denn das Essen findet schon nach wenigen Minuten seinen Weg zu unserem Platz, allerdings etwas anders, als sich die Expeditionsgruppe das vorgestellt hat.

Vor 46halbes Nase manifestiert sich ein köstlich aussehender, aber leider nicht bestellter Joghurt mit Früchten, den sie sogleich ins Herz schließt. Der Fotobeweis zeigt die optischen Reize:

fruechte-joghurt

(Unbestellte) Früchte mit Joghurt: 4 €.

Mit Gegenwehr reagiert sie auf die versuchte Wegnahme des Joghurts, was verhaltenspsychologisch in gewisser Weise eine Selbstverständlichkeit ist. monoxyd kann zwar nicht an sich halten und erklärt dem Kellner, daß wir das nicht bestellt hätten. Doch 46halbe kann mit geübtem Rehblick genug Überzeugungskraft aufbringen, um den Joghurt behalten und verspeisen zu dürfen.

franzose

Frühstück „Der Franzose“, 3,80 €.

Das von 46halbe regulär bestellte Frühstück „Der Franzose“ ist ein frugales Mahl, nur bestehend aus einem Croissant, etwas Erdbeermarmelade, dazu Butter und ein Milchkaffee inklusive. Zusätzlich gibt es ein Stück in Scheiben geschnittenes Baguettebrot. Für 46halbe ist es der perfekte Morgen, allerdings nur, weil auch der Joghurt seinen schicksalhaften Weg zu ihr gefunden hat.

Nach dem Essen wird sogar noch ein zweiter Milchkaffee (2,30 Euro) bestellt, auch weil die entspannte Atmosphäre, das eingespielte und freundliche Service-Team zum Verweilen anregt. Trotz anwesenden Hunden, Babies und laufender Musik ist es nicht wirklich laut im Laden, sondern in normaler Gesprächslautstärke zu weiteren Heißgetränken einladend.

wurstfruehstueck

Wurstfrühstück, klein: 5 €.

Da monoxyd von vornherein klar ist, daß ein frugaler Franzose lediglich eine Ergänzung sein kann, bestellt er ein Wurstfrühstück in der kleinen Variante. Anfängliche Bedenken, es könne sich hier um einen carnivoren Minimalteller handeln, zerstreuen sich ebenso schnell wie die Befürchtung, daß hier billige Plastewurst gereicht wird. Es handelt sich vielmehr um eine ansprechende Menge fleischlicher Genüsse, die höchst zufriedenstellend aussehen und schmecken.

Bemerkenswerterweise gibt es dieses Frühstück auch noch in „mittel“ und „groß“ sowie in den Ausprägungen „Käse“ und „gemischt“, hier ist also für jeden nicht-veganen Geschmack ausreichend gesorgt. Als ebenso positive Überraschung erweist sich das zusätzlich georderte Frühstücksei, das in Kochzeit und Konsistenz der Perfektion erstaunlich nahekommt.[2]

ei

Ei, gekocht: ein €.

Mit anderen Worten: Die Speisen sind ein voller Erfolg und machen den natürlichen Kreuzberger Charme und anfängliche Irritationen mehr als wett, und auch die koffeinhaltigen Heißgetränke sind annehmbar bis gut. Um uns herum bemerken wir allerdings andere Frühstücksgewohnheiten: Wie Ur-Kreuzberger wirkende Gestalten bestellen statt Kaffee und Brötchen einfach Rotwein und Wasser. Kann natürlich auch sein, daß das als Touristenattraktion nur simuliert wird. :}

Hingehen sollten alle, die sich mit einem guten, kräftigen Frühstück, Überraschungsservierungen, Laptop-freien Stunden und einer gewissen Punk-Attitüde anfreunden können. Letzteres ist weit mehr als leeres Geschwafel, was ein kurzer Blick in die Sanitäranlagen zeigt, der beweist, daß hier der Begriff „Porzellanthron“ wörtlich genommen wird, denn etwaige frei schwenkbare Auflagen zur Bequemlichkeit wurden vollständig entfernt. Ob das damit zu tun hat, daß Gäste, die schon in den frühen Morgenstunden dem ein oder anderen Glas Wein nicht abgeneigt sind, keine Seltenheit zu sein scheinen, müßte allerdings in einer Langzeitstudie untersucht werden.

Bateau Ivre
Oranienstr. 18, 10999 Berlin
Tel. (030) 614 03 659
Außenansicht

  1. 46halbe war mit monoxyd unterwegs, der nichtsahnenderweise die Kamera schwang. []
  2. Das Weiße hart, das Gelbe weich, aber nicht zu flüssig. []

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leuchtstoff – Kaffeebar

Es war einmal eine Empfehlung. Diese Empfehlung wurde im Geheimen gegeben und es sollte ein paar Zeiteinheiten dauern, bevor sie in die Tat umgesetzt werden konnte. An einem regnerischen Dienstag-Vormittag entschied sich die FiöR[1] zu einer Expedition in eine der ranzigeren Ecken Neuköllns.

Das Betreten der kleinen Kemenate erstaunt den Betrachter durch seine Leere. Die ungestellte Frage nach dem, was hier vielleicht Fehlen mag, verhallt jedoch schnell im umgebauten wohnzimmerähnlichen Nebenraum, in dem Sofas auf dem Boden stehen und an die Wand genagelt wurden.

Interessante Sitzplatzwahl

"Wenn ich ein Tourist wäre, würde ich das super finden." - Frl. T.

Die oberen Sitzplätze sind dabei als interessant einzustufen, aber keineswegs praktisch. Wie Fräulein Teresa richtig bemerkte, scheint es sich hierbei um einen Ort zu handeln, an dem man sich eher Abends die Zeit mit einem Buch und einer Gerstenkaltschale auf einer Couch vertreiben kann.

Die Anwesenden ließen sich trotzdem nicht von diesen Umständen abschrecken und bestellten am Tresen ein Frühstück. Das war bedauerlicherweise kein Problem, denn das Angebot ist – um es diplomatisch Auszudrücken – übersichtlich. Es gibt die Auswahl zwischen Haselnuß-Tofu-Baguette, Mozarella-Baguette, Croissant und Käsebrot. Außerdem Tees und Kaffee, letzterer sogar in einer Aeropress-Version.

Während der Milchkaffee (2,60), welcher, das soll an dieser Stelle auf besonderen Wunsch von Frl. T. noch erwähnt werden, in Bechern ohne Henkeln serviert wurde, sich als schlicht, aber gut erwies, stellte sich die Aeropress-Variante als dünnes Plörrchen heraus. Auf einer Meta-Ebene lässt sich also feststellen, dass hier eine weitere Zubereitungsform des göttlichen Koffeingebräus so verwässert wurde, dass sie in diesem Kontext als durchgehipstert bezeichnet werden muss.

Frühstückstisch im leuchtstoff

Aeropress, groß (2,40), Croissant (1,00), Mozarella-Baguette (3,20), Käsebrot (2,60)

Die zubereiteten Mahlzeiten fallen nach Aussage der anwesenden Experten in die Kategorie „Kann man mal machen, ist aber nichts Spezielles“. Während die Frische und die frische Zubereitung lobend erwähnt sollen, fehlt doch das gewisse Etwas. Und Fleisch. Schon die Verwendung des Begriffs „Käsebrot“ lässt auch hier wieder auf den gentrifizierenden Einfluß der mainstreamkritischen Hipsteria schließen.

Wir wollen aber auch der Vollständigkeit halber erwähnen, dass das kleine, aber eben nicht perfekte Angebot möglicherweise einen Neulingsbonus zur wohlwollenden Betrachtung verdient hätte. Ob sich Besserung einstellt, können nur weitere Feldversuche zeigen, von denen nicht unbedingt abgeraten wird.

Zweiter Versuch: Doppelter Espresso Macchiatto (2,20) an Cafe Latte (2,60)

Zweiter Versuch: Doppelter Espresso Macchiatto (2,20) an Cafe Latte (2,60)

Die Expertengruppe bestellte sich bei dem nach Politikwissenschaftsstudent im 10. Semester aussehenden Barista einen weiteren Milchkaffee und einen doppelten Espresso Macchiato. Leider folgte nach der Aeropress-Enttäuschung die Espresso-Enttäuschung: Zu bitter! Zu allem Übel wechselte zu diesem Zeitpunkt die musikalische Untermalung von hippem Berliner Minimal zu (viel zu) aufgeregten afrikanischen Klängen.

Es soll jedoch an dieser Stelle die angenehme, verpeilte Freundlichkeit der Betreiber erwähnt werden. Sind die beiden jungen, bebrillten Männer zwar stets aufmerksam, wirken sie doch nicht ganz ausgeschlafen. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der dynamisch schwankenden Qualität der koffeinhaltigen Heißgetränke, die sich auch auf die Macher auswirkt.

Alles in allem muss abschließend postuliert werden, dass der autodidaktisch anmutende Charme zwar sehr sympathisch ist, aber eben auch noch Spielraum für Verbesserungspotential hat. Ein Besuch lohnt sich für alle abenteuerlustigen Frühaufsteher, da der Laden unter der Woche schon ab 8 Uhr geöffnet hat, die auf der Suche nach einem erhöhten, aber weichen Sitzplatz sind und deren Tagesmotivation nicht nur am ersten oder zweiten Kaffee hängt.

Disclaimer: Auch wenn eine Interpretation einer Hipsterabneigung aus diesen Zeilen herausgelesen werden könnte, muss natürlich betont werden, dass dieses Werk nicht hätte verfasst werden können, wenn es nicht zumindest teilweise Überschneidungen des hier nicht wirklich angeprangerten Lebensstils mit allen Anwesenden der Autorenschaft geben würde.

leuchtstoff – Kaffeebar
Siegfriedstr. 19, 12051 Berlin
0177/1961512
leuchtstoffk.de

 

  1. Frühstücken im öffentlichen Raum, vertreten durch Fräulein Teresa und den ehrenwerten Autor []

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Filed under À la carte, keine Kreditkartenzahlung, Netz: Gratis, Neukölln

Maison Courage

Es gibt Lokale in Berlin, an denen man gefühlt schon tausendmal vorbeigegangen, aber bisher nie eingekehrt ist. Das wollen wir[1] heute ändern, an einem Ort, der auf den ersten Blick nicht gerade zum Draußensitzen einlädt: am Senefelderplatz an der südlichen Schönhauser Allee, den bereits seit 1892 ein Alois-Senefelder-Denkmal aus Marmor schmückt. Schon bevor das Denkmal eingeweiht wurde, zog an der Ecke Saarbrücker Straße das „Maison Courage“ ein, angeblich bereits 1876 (Eigenwerbung).

Wenn das stimmt, hat das Maison Courage eine bewegte Geschichte miterlebt: Karls Vater Wilhelm Liebknecht, einer der radikaldemokratischen SPD-Gründer, hatte hier bis 1900 seinen Wahlkreis und feierte seine Siege. Daß das Lokal aber von ihm bei einer Art Wolfratshauser Frühstück nach Art von Angela Merkel, Edmund Stoiber und Muschi genutzt worden sein soll, ist unbelegt. In den 1920ern zog gegenüber in der (später abgerissenen) Brauerei Königstadt das riesige Uraufführungskino der Ufa ein, und im Zweiten Weltkrieg blieb am ganzen Platz kaum ein Haus heil.

Heute aber ist der Senefelderplatz vor allem vom Autoverkehr dominiert und damit laut. Das schreckt uns nicht, als Berliner ist man den Lärm gewöhnt. Was jedoch wenig einladend wirkt, sind die zuerst auffallenden angeketteten Tische und Stühle:

an ketten

Stahldraht an Tischen und Stühlen: kostenlos.

Diebstahl des Mobiliars scheint wohl selbst am hellichten Tag ein Problem zu sein. Eine einfache Erklärung wäre aber auch Bequemlichkeit, schließlich ist das Anketten abends und das Entfernen morgens eine nervige Arbeit. Während wir versuchen, unsere Füße nicht im Stahldraht zu verhakeln, werfen wir einen Blick in die Karte. Frühstück kann täglich von 10 bis 15 Uhr geordert werden, alle Frühstücke beinhalten Butter, einen Brotkorb und Konfitüre. Zwar schreien einen Rechtschreibfehler in der Speisekarte an, dafür ist sie aber abwischbar und touristengerecht durchgängig zweisprachig in Deutsch und Englisch.

Bevor die nicht sehr große Auswahl an Frühstücken näher begutachtet wird, muß der obligatorische Latte Macchiato her:

latte

Latte Macchiato: 2,90 €.

46halbe entscheidet sich wegen nur leichten Hungers nach kurzer Bedenkzeit für „Französisch & Leicht“. Die zwei Croissants sind noch warm und duften anziehend:

franzoesisch+leicht

Französisch & Leicht: 6 €.

Herr Vroomfondel bestellt Rührei mit Speck und Zwiebeln:

ruehrei+speck

Rührei mit Speck und Zwiebeln: 4,50 €.

Das Rührei erntet als ersten Kommentar von Herrn Vroomfondel ein gemurmeltes „übersichtlich“. Der erste Eindruck wird leider auch nicht durch übermäßig gute Qualität oder köstlichen Geschmack wettgemacht. Die Zwiebeln stellen sich als nicht lang genug angebraten raus, der Speck ist nicht knusprig, das Rührei hätte insgesamt noch zwei Minuten mehr in der Pfanne vertragen können. Das Dressing auf dem Deko-Salat kommt aus der Flasche. Insgesamt bescheinigt Herr Vroomfondel noch freundlich: „Nichts Besonderes.“

46halbe bestellt noch einen Grapefruitsaft für zwei Euro (0,2 l), der schon wenig später serviert wird. Das gleichzeitig avisierte Pfefferminz-Heißgetränk für 2,60 Euro, das eigentlich mit frischen Ingwer und Limette kommen sollte, hat leider weder das eine noch das andere drin. Auch die Teebestellung im Anschluß erweist sich als schwierig. Auf die Bitte, einen Darjeeling zu bringen, reagiert die Bedienung mit der Rückfrage, ob das Schwarzer Tee sei. Wir ahnen es schon: Es kommt stattdessen eine undefinierbare „English Breakfast“-Mischung. Der Schokokeks war bei Auslieferung schon im wärmebedingten Übergang in einen flüssigen Aggregatzustand.

schwarzer tee

Der Darjeeling, der keiner war: 1,80 €.

Zu loben sind allerdings die Brötchen, sie sind frisch und werden in ausreichender Menge angeboten:

brotkorb

Brotkorb: bei allen Frühstücken mit dabei.

Während wir noch ein wenig die Güte des Essens besprechen, fällt uns ein Accessoire auf dem Tisch auf, das wir dem geneigten Frühstücksblog-Leser nicht vorenthalten wollen: ein Zuckerstreuer. Mit ihm die gewünschte Menge Zucker für den Tee zu dosieren, stellt sich als Herausforderung dar:

zuckerstreuer

Der Zuckerstreuer: kostenlos.

Zur Verdauung sollte es zuletzt ein spanischer Cortado sein, mit einem kleinen Milch-Wölkchen. Er steht zwar in der Karte, das weiß aber die Kellnerin nicht. Sie ist die ganze Zeit sehr entgegenkommend und freundlich gewesen, aber hier muß sie passen. Es scheint im Maison Courage nicht ungewöhnlich zu sein: Geliefert wird mal wieder etwas anderes. Statt eines Cortados, der üblicherweise in einer kleinen Espressotasse serviert wird, kommt eine Art Cappuccino. 46halbe ist nicht sonderlich amüsiert, trinkt ihn aber ob des morgendlichen Koffeinmangels.

cortado

Der Möchtegern-Cortado für 3,60 €.

Das Maison Courage bietet übrigens auch Live-Konzerte und ist nachts durchaus gut frequentiert. Wer also gern als Nachtwächter unterwegs ist: Es schließt erst um drei Uhr morgens.

Hingehen sollten alle, die trotz lauter Umgebung ganz wie Nabobs draußen sitzen möchten, kostenloses Leitungswasser zu schätzen wissen und für diese Berliner Gegend ein ordentliches Verhältnis Preis/Leistung suchen. Falsch ist man allerdings im Maison Courage, wenn man ein Gourmet-Frühstück erwartet.

Maison Courage
Saarbrücker Straße 17, 10405 Berlin
Tel. (0711) 24 24 36
Webseite

  1. 46halbe und Herr Vroomfondel waren die furchtlosen Testpersonen. []

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Zum dritten Mann

Das „Zum dritten Mann“ liegt in der Kollwitzstraße an der Ecke zur Sredzkistraße, und es ist heute eine Notlösung. Wir wollen eigentlich ins „Sowohl als auch„, das wir schon öfter getestet haben und mittlerweile aus Überzeugung besuchen. Aber das ist mal wieder überfüllt. So sind wir mit etwas Unbehagen im „Zum dritten Mann“ gelandet, denn schließlich nahm an dieser Stelle unser Frühstücksblog seinen Anfang, damals keinen angenehmen.

Aber: neuer Name, vermutlich neuer Betreiber, neues Glück. Schon leicht ausgehungert erobern wir in dem ausgesprochen leeren Lokal einen Platz an der großen Fensterfront zur Sredzkistraße. Gegen den noch kühlen Wind von draußen und die Zugluft hat der Betreiber eine innovative Methode verwendet, um die Fenster abzukleben: Gaffa! Offenbar befinden wir uns hier in bester Handwerkergesellschaft.

Der Blick in die Karte macht sofort klar: Hier geht es um österreichische Kost, die Namen der Frühstücke sind eindeutig. Nichts anderes in dem Restaurant läßt zwar österreichisches Flair erahnen, also keine Trachten, Alpenmusik, nicht mal ein Arnold-Schwarzenegger-Poster. Außer den abgewetzten Dielen wirkt das Ambiente eher steril, ohne Tischdecken, dennoch erwarten wir unterbewußt einen betont hoffärtigen Kellner.

Immer auf der Suche nach dem perfekten Frühstück fällt 46halbe sofort die Eierspeis von Freilandeiern mit Frischkäse ins Auge. Sie kommt mit steirischem Gourmetschinken und Zwiebeln:

eierspeis

Eierspeis mit Frischkäse für 6,90 Euro.

Wir machen da nicht viele Worte: Es ist gerade das perfekte Mahl. Es sieht anfangs ein wenig leer auf dem Teller aus, sättigt jedoch in ausreichendem Maße. Der dazu genossene Grapefruitsaft (0,3 Liter für 3,30 Euro), der Latte macchiato (3,10 Euro) und ein Brotkorb mit verschiedenen Brötchen runden das Essen ab. Wir fragen den Kellner nach dem Namen der besonders gut schmeckenden dunklen Brötchen. Aus dem Stegreif weiß er keine Antwort, kontert aber mit der Aussage, daß er „hinten“ mal nachfragen könne. Er bleibt uns allerdings die Antwort schuldig. Wir tippen auf „a Spitzweck“.

naros durchsucht die Karte nach dem Eintrag mit den meisten Zutaten, der Hunger scheint beträchtlich. Er wählt das Frühstück „Innsbruck“. Die Gier nach Nahrung läßt ihn sogar noch ein zusätzliches Ei ordern. So sieht es aus:

innsbruck

Frühstück „Innsbruck“ für 8,20 Euro, plus Zusatz-Ei für 1,10 Euro.

Positiv fällt auf, daß der Obstsalat und vor allem der Käse frisch geschnitten serviert werden. Man kennt es nur allzu oft, daß sowohl Obst als auch Käsestücken schon angetrocknet oder letztere mit Packungsabdrücken versehen sind. Auch der Feldsalat ist knackig frisch und mundet. Die Marmelade hingegen kann nicht überzeugen, sie ist sehr süß, schmeckt statt frühlingshaft eher weihnachtlich und dominiert alles, worauf man sie schmiert.

Der wirklich große Hunger kann durch „Innsbruck“ nicht gestillt werden, das allerletzte der durchaus gutschmeckenden Brötchen muß mangels übriggebliebener Beläge mit Salz und Pfeffer gegessen werden. Dabei fällt die Pfeffermühle negativ auf: eine gigantische Fehlkonstruktion. Auffällig dagegen der Zuckerstreuer:

asia superior

Grüner Tee „Asia Superior“ für 2,90 Euro.

Wir glauben, daß der nun verbotene Verkauf von Glühlampen das Umformen derselben in Zuckerstreuer bewirkt und damit den einen oder anderen Glasbläser vielleicht wieder in Lohn und Brot gebracht hat. Der außerdem bestellte grüne Tee fällt leider zunächst durch ein nicht ordentlich abgewaschenes Schälchen auf, in dem allerdings dankenswerterweise Kandis angeboten wird.

Während nun der Tee und die Frühstücke verputzt sind, passiert etwas seltsames: Wir werden unsichtbar. Der leider auch nicht besonders hoffärtige Kellner sieht uns einfach nicht mehr, auch nicht, wenn wir winken. Es mag daran liegen, daß sich das Lokal langsam füllt, aber unser Wunsch nach Nachschub von koffeinhaltigen Heißgetränken bleibt zunächst unerfüllt, die leeren Teller bleiben stehen.

Dafür ergehen wir uns aber nicht in Betroffenheitskultur, auch nicht wegen der Rechtschreibfehler in der Karte, sondern diskutieren die Gentrifizierung, ACTA und was es sonst politisch zu besprechen gibt, während zu unseren Füßen die nicht gentrifizierbaren Kiezbewohner offenbar erwacht sind. Wir werden Zeugen der ausgedehnten Morgenhygiene der Prenzlberger Spatzen, die vor dem „Zum dritten Mann“ offenbar eine öffentliche Badeanstalt eingerichtet haben.

spatz

Spatzen beim morgendlichen Staubbad, kostenlos.

Irgendwann erhört der Kellner unser Flehen dann doch und nimmt die Bestellung für einen Espresso (2,10 Euro) und einen Cappuccino entgegen, ohne allerdings die Frühstücksteller mitzunehmen. Vielleicht möchte er uns noch ein wenig an das im Schnitt ganz angenehme Erlebnis erinnern.

cappuccino 

Cappuccino für 2,60 Euro.

Hingehen sollten alle, die im „Sowohl als auch“ keinen Platz finden, denn „Zum dritten Mann“ bietet durchaus gutes Frühstück, hat aber vor allem den Vorteil, daß man sofort einen Tisch findet. Wer sich von spartanischem Einrichtungsstil angezogen fühlt und nicht gleich schreiend rausrennt, wenn er mal eine Viertelstunde unsichtbar ist, kann sich hier durchaus wohlfühlen.

Zum dritten Mann

Kollwitzstraße 87, 10435 Berlin

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Ampelmann

Im Schloß Bellevue gibt es für Normalsterbliche nichts zu essen, wenn man nicht grade zum Staatsempfang geladen ist oder vielleicht ein Sternsinger. Dennoch machen wir vor dem Frühstück einen kleinen Umweg in den Schloßpark, um Bundesmittelläufer Christian Wulff zuerst noch den Schuh zu zeigen.

Im Januar ist eine Demo in Berlin keine so angenehme Angelegenheit: regnerisch, kühl und windig. Das macht hungrig, wir[1] brechen daher bald zum Hack-Markt auf, nicht ohne vorher einen Spreeuferspaziergang durchs Regierungsviertel zu unternehmen.

wulff-demo

Wulff-Schuhdemo: kostenlos.

Politisch aufgeladen, kalauern wir schon beim Eintreten nicht unbeträchtlich: „Eben noch beim Hampelmann, jetzt sogleich im Ampelmann“. Denn Ampelmann heißt heute das Lokal unserer Wahl. Es befindet sich am Spreeufer, schräg gegenüber der Museumsinsel in den S-Bahnbögen unterhalb des Bahnhofs Hackescher Markt. Das Frühstücksangebot können wir leider nicht mehr testen. Es wird seit kurzem zwar statt bis 12 Uhr jetzt bis 13 Uhr offeriert, aber wir verfehlen diesen Zeitpunkt doch erheblich.

Im Ampelmann werden Pizza und Brot selbst gebacken, wie uns die Karte verrät. Das frische Brot kosten wir doch gern:

wasser und brot

Wasser und Brot zum Anfüttern: kostenlos.

Der Brotkorb wird zusammen mit Leitungswasser gereicht, dazu kleine Weingläser. Wir bestellen zunächst verschiedene Kaffee- und Teevarianten: Cafe Latte (3,20 Euro), Latte macchiato (3,20 Euro) Roibos Vanilla (Kännchen: 4,20 Euro) und Pfefferminztee (Tasse: 3,20 Euro) .

Roibos-Tee

Tee Roibos Vanilla: 4,20 €.

Und wir haben wieder einen dieser Vorspeisen-Spielverderber dabei. Man sitzt da hungrig und hat sich nach langem Ringen etwas ausgewählt, alle bestellen nacheinander ihr Gericht – und dann passiert es: naros ist der Letzte in der Reihe und wünscht sich eine Vorspeise zu seinem Hauptgericht. Alle anderen wissen nun, daß die Zeit, bis sie etwas zu beißen haben, exorbitant verlängert ist. Zudem muß man ihm beim Essen zugucken. Eine Vorwarnung wäre nett gewesen, zumal eine nach gebratenem Speck duftende Speise serviert wird:

Schafskaese

Gebratener Schafskäse im Speckmantel an pikantem Mango-Chutney: 8,50 €.

Wir haben es ihm verziehen. Dafür wird er umfassend zu seiner Vorspeise befragt. naros gibt an, daß der Schafskäse durch die Beigabe von Rauke im beiliegenden Salat mit Zitronen-Vinaigrette erfreut. Er schmeckt gut, sagt naros, dennoch hätte ein Kuh-Käse statt Schafskäse wohl besser gepaßt.

Frau Knöpfchen bekommt wenig später die Pizza Bresaola:

pizza bresaola

Pizza Bresaola: 11,50 €.

Die Pizza ist üppig mit Mozzarella, Bresaola, Walnüssen und Parmesan belegt. Bresaola ist übrigens Schinken vom Rind, wie die stets freundliche Kellnerin erklärt. Das Timing der Bedienung gefällt uns: Es wird nicht gedrängelt, sie läßt uns aber auch nie warten.

naros, der bereits den Schafskäse hinter sich hat, bekommt als Hauptgang Nudeln:

orechiette

Orechiette mit Hähnchenbrust für 10,50 €.

Orechiette sind hütchenförmige Nudeln, die naros sehr gut schmecken. Uns umhüllt beim Essen eine leicht hypnotisierende Kaufhausmusik, die dann und wann untermalt wird durch leichte, erdbebenartige Rüttelungen wegen der über uns fahrenden S-Bahn. naros erinnert das spontan an das früher oft gehörte Little Earthquakes.

Die Teller der Speisen sind alle ansprechend dekoriert, das Geschirr ist von schlichtem Design und wirkt robust. Auf die Servietten sei sogar ein Loblied gesungen: Sie sind zwar aus Papier, fühlen sich dennoch wie Stoff an, ein kleines Männchen ist auch aufgedruckt. Viele weitere Details im Restaurant erinnern an den Namen: überall Ampelmännchen, auf den Shirts der Angestellten, in den Toiletten, selbst auf den Zuckertütchen.

ampelmaennchen

Ampelmännchen, viele.

Das Ampelmännchen ist eines der wenigen Überbleibsel des DDR-Alltags, das im Straßenverkehr in Berlin noch vielfach präsent ist. Sonst hilft es, den Verkehr zu regeln, hier in der Speisekarte weist es auch den Weg zu den Essens- und Getränkeangeboten. Jede Seite der Karte ist mit einem anderen der Männchen markiert. Mit Hilfe eines neuen Gadgets kann hier ein kleiner Eindruck vermittelt werden:

ampelmaennchen

Das Ampelmännchen für Hauptgerichte.

Für den kleinen Hunger bestellt 46halbe die Tomatensuppe. Die aufmerksame Kellnerin serviert sie zusammen mit den Hauptgerichten:

tomatensuppe

Provenzialische Tomatensuppe für 5,50 €.

Die Suppe ist mit Crème fraîche und Basilikum abgerundet, schmeckt gut, aber etwas langweilig. Die Crème fraîche will sich nicht recht auflösen, entfaltet daher ihren Geschmack nur teilweise.

Kai hat sich für die Schweinemedaillons entschieden:

schweinemedaillons

Schweinefilet für 14,50 €.

Die drei Filetmittelstückchen werden mit Rübchenpüree und Bratenjus an Kartoffelgratin gereicht. Kai meint, es würde nach Weihnachten schmecken. Das mag am Lebkuchengeschmack liegen, den die Soße hat. Wir haben Zimt, Kardamom, Ingwer und weitere Multikulti-Gewürze im Verdacht.

Zwei Gierige unter uns bestellen auch einen Nachtisch. naros, der schon den Schafskäse UND die Orechiette verdrückt hat, genehmigt sich einen in der Karte als Pfannkuchen firmierenden Eierkuchen:

mit heidelbeeren

Heidelbeer-Pfannkuchen mit Vanilleeis und Ahornsirup für 7,50 €.

46halbe kann bei der Kuchenvitrine nicht widerstehen, sie bestellt einen Apfelkuchen.

mit heidelbeeren

Die normannische Apfeltarte für 3,80 €.

Bei diesem Apfelkuchen aus Mürbeteig mit auffälligem Zimtgeschmack kann nicht abschließend geklärt werden, was daran normannisch ist, nach Angaben von 46halbe mundet er ihr jedenfalls. Auch der dazu bestellte frisch gepreßte Orangensaft (4,50 Euro für 0,2 Liter) und der Espresso (zwei Euro) können überzeugen. Die schöne Espresso-Tasse mit dem Ampelmännchen gefällt ihr, der Inhalt hätte allerdings etwas heißer sein können.

Es ist gemütlich, man könnte sich hier fast festsitzen. Doch es scheint, daß wir den Mangeltag des Restaurants erwischt haben. Unvermittelt werden alle Tische umgeräumt, weiße Tischdecken aufgelegt, Stühle gerückt. Vermutlich findet abends eine geschlossene Veranstaltung statt. Das Stühlerücken mahnt uns zum Aufbruch.

In Anlehnung an unsere Demo dichtet naros kurz vor dem Gehen und frei nach dem Schlußsatz des grünen Ampelmännchens im DDR-Verkehrskompaß:

So ist’s richtig, so ist’s schön,
freundlich zeig ich meinen Schuh.
Mach schon Wulff, du kannst jetzt geh’n.
Komm gut heim und gib uns Ruh‘.

Hingehen sollten alle, die ein kuschliges künstliches Feuer hinter Glas genießen möchten, am Hack-Markt nicht ganz billige, aber qualitativ gute Nahrung suchen oder die einen besonderen Service im Ampelmann ausprobieren wollen: Ein Velo-Taxi kutschiert geneigte Gäste zum nahegelegenen S-Bahnhof oder zum Auto.

Ampelmann
am Monbijoupark, Stadtbahnbogen 159-160, 10178 Berlin
Tel. (030) 84 71 07 09
Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe, naros, Kai und Frau Knöpfchen als Testesser dabei. []

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Schokoladniza

“Мы недосчитываемся денег!” – Unbenannte Gäste, 2011

Eigentlich heißt das Lokal Шоколадница, aber da wir[1] wissen, daß nicht mehr jeder kyrillisch lesen kann, wollten wir eine gefälligere Überschrift wählen. Das Шоколадница sieht ohnehin deutlich verwestlicht aus, keine Reste mehr davon zu sehen, daß die Caféhaus-Kette sowjetische Wurzeln hat. Auch wenn Tischlinnen fehlen, das ganze Interieur erinnert an amerikanische Ketten. Die Kellner sind jung, uniformiert, servil und zahlreich. Eine bei uns schon vergessene Frage wird beim Plazieren am Eingang gestellt: Raucher? Denn in Moskau gibt es noch Raucherbereiche, hier in der oberen Etage. So experimentierfreudig sind wir aber dann doch nicht.

Wer also vollkommen entkoffeiniert durch die Stadt läuft, kann entweder den 24-Stunden-Lieferservice nutzen oder es uns gleich tun und in eine der an jeder Straßenecke befindlichen Filialen einkehren. Wir wählen in der altehrwürdigen Ecke von Moskau – Китай-город – die Filiale vor allem wegen des Straßennamens: Солянка.

aussenansicht

Außenansicht Шоколадница.

Es gibt aber keine Soljanka, es muß erstmal ein kühles Getränk her, denn der Juli ist der heißeste Monat in Moskau. Im Шоколадница werden wir beim Durchsehen der Karte auf angenehme gefühlte zwanzig Grad runtergekühlt. naros ordert eine hausgemachte klassische Limonade: Лимонад домашний классический. Sie bewirkt einen unmittelbaren Zuckerschock, der aber durch Umrühren gemindert werden konnte.

limonade

Klassische hausgemachte Limonade, 320 ml, 199 Rubel.

Die russischen Karten zeigen eine Besonderheit: Die Getränke werden mit genauer Angabe der Milliliter versehen, das Essen wird in Gramm ausgezeichnet. Wir wollen die gereichten Mengen also nicht verschweigen. 199 Rubel sind übrigens derzeit etwa fünf Euro, also durchaus ein stolzer Preis für den gemeinen Moskauer, der durchschnittlich sechshundert Euro im Monat verdienen soll. Möglicherweise sollte man die Angaben zum Durchschnittseinkommen in Moskau aber nicht für bare Münze nehmen, denn wir beobachteten überall gut gefüllte Lokale, und aufgrund der Gespräche in russisch ist anzunehmen, daß es sich nicht um ausländische Touristen handelte.

shake

Milchshake „Süßer Traum“, 280 ml, 199 Rubel.

Aus irgendeinem nicht mehr nachvollziehbaren Grund erregt das Getränk Сладкая мечта das Interesse von 46halbe. Schon rudimentäre Russischkenntnisse zeigen, daß es sich um einen Milchshake mit Eis handeln muß, dazu getrocknete Aprikosen und Vanillesirup. Die Konsistenz des Gemischs ist dergestalt, wie man es als Kind schon haßt: voller Stücken, Krümel und nur sehr zähfließend. Das mit dem Trinkhalm ist sicher gut gemeint, erweist sich jedoch als nicht praktikabel. Die Aprikosenstücken kleben schon nach drei Millilitern fest im Halm. Aber ein Löffel tut es ja auch. Es bleibt die Frage, ob es nicht richtiger gewesen wäre, wie bei Speisen üblich eine Gramm- statt eine Milliliterangabe auf die Karte zu drucken.

blinschiki

Plinsen mit Schokolade, 180 g/15 g, 199 Rubel.

Was die dem nachmittäglichen Frühstück angemessene Nahrung betrifft, entscheiden sich naros und 46halbe unabhängig voneinander für die Блинчики „Шоколадница“, obwohl auch klassische Frühstücke im Angebot sind. Die Plinsen sehen tatsächlich aus wie auf dem Werbefoto, mit hübsch anzusehenden Schokoladenmustern, -füllung, Rosinen und Kokosraspeln. Fraglich bleibt, für welchen dieser Bestandteile die Angabe von fünfzehn Gramm gilt. Bei den Rosinen teilen sich die Meinungen der Tester, 46halbe besteht darauf, daß dies schlecht gewordene Trauben seien. Insgesamt aber können die Plinsen überzeugen und sind innerhalb weniger Minuten verzehrt.

Während wir mit russischer Popmusik bei laufenden Fernsehern beschallt werden, muß der Kaffee getestet werden. Sind hier Kurpfuscher am Werk oder echte Kaffeenerds? 46halbe bestellt einen Капучино. In westlicher Manier wird er mit Herzchen-Muster gereicht, allerdings ohne die hierzulande üblichen widerlichen Kekse und ohne Wasser. Geschmacklich erhält er eine gute Note, aber keine sehr gute.

cappuccino

Cappuccino, 250 ml, 179 Rubel.

Als wir uns dann entspannt die Rechnung geben lassen wollen, müssen wir mit Entsetzen feststellen, daß unsere Rubel knapp geworden sind. Wir sehen uns schon in einem russischen Kittchen. Doch die Frage nach der Kartenzahlung wird zum Glück bejaht. Ein bißchen Spaß soll die Kreditkartenfirma ja auch haben, wenn die anomalieerkennenden Algorithmen eine plötzliche Kartenbenutzung in Rußland detektieren. Die 975 Rubel (ohne Trinkgeld), also etwa 25 Euro, haben wir gern bezahlt.

Hingehen sollten alle, schon weil das Шоколадница in Moskau ist, und diese Stadt unbedingt eine Reise wert ist. Wir empfehlen also den Lesern die ansprechende russische Gastfreundlichkeit. Die Солянка ist übrigens unweit des Kreml und nur einen Steinwurf von dem ehemaligen Standort des berühmten Hotels Россия, das leider vor einiger Zeit abgerissen worden ist und nur noch eine große Baugrube hinterlassen hat.

Шоколадница
ул. Солянка д.1/2, 101000 Москва
Telefon: +7 495 / 628 70 11
Webseite des Шоколадница

  1. naros und 46halbe bereisen die große, weite Welt. []

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