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Kadosh

Für diesen Frühstücksblogeintrag reiste das Testteam[1] ins ferne Israel. Nach zwei Wochen Reisen, fanden sich die Tester zu ihrem letzten Urlaubsfrühstück im Kadosh in Jerusalem ein. Das Kadosh befindet sich unweit der Bahnstation City Hall, in einer kleinen Straße parallel zu den Gleisen. Es ist gut zu wissen, wo sich das Kadosh befindet, ansonsten läuft man der kleinen Patisserie und Restaurant schwer zufällig über den Weg. Auch das Team landete aufgrund der Empfehlung einer Jerusalemer Freundin hier.

Das Kadosh ist eigentlich immer gut besucht (das Team kehrte mehrfach während seiner Reise hier ein). Draußen können an kleinen Tischchen und geflochtenen Stühlen die Gäste auf dem Bürgersteig Platz nehmen.

Außenansicht

Außenansicht

Das Kadosh gibt es schon seit den 60er Jahren und drinnen sieht es so aus, als wäre die Zeit seitdem hier stehen geblieben. Die Einrichtung erinnert an ein Wohnzimmer aus den 60ern: dunkle Möbel, die typischen alten Stehlampen, ein altes Radio, zwei alte Ventilatoren rotieren an der Decke, es hängen Bilder und Spiegel an den Wänden.

Innenansicht

Innenansicht

In einer große Glastheke findet man die große Auswahl an hausgemachten Küchlein, Torten Croissants und anderem Gebäck, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Das Kadosh ist bekannt für seine Konditorei, aber es gibt auch einen Restaurantberieb.

Theke

Theke

Die Tester entschieden sich für einen Tisch draußen im Halbschatten. Bedient wird man im Kadosh von jungen Kellnerinnen, die graue 60s Schürzen und weiße Blusen tragen. Wir mussten allerdings ein paar Minuten warten, bevor wir bedient wurden. Die Kellnerin war aber sehr freundlich, entschuldigte sich und reichte uns die Karten.

Die Testerinnen waren sich einig und bestellten beide das Good Morning Breakfast mit frischem Obst, Silan (Dattelhonig), Yoghurt und Müsli. Obendrauf noch einen Milchkaffee und einen frisch gepressten Orangendaft. Das bestellte Frühstücksmenü wurde wiederum schnell an den Tisch gebracht.

Frühstück 'Good Morning' mit Milchkaffee und O-Saft (60 NIS = ca. 12 €)

Frühstück 'Good Morning' mit Milchkaffee und O-Saft (60 NIS = ca. 12 €)

Es schmeckte fantastisch! Das Obst waren frisch, ein paar getrocknete Früchte fanden sich auch noch auf dem Teller, das war Müsli geröstet und karamellisiert ohne dabei zu süß zu sein. Der Naturjoghurt rundete das ganze mit eine säuerlichen Note ab. Geschmacklich ist das Müsli-Frühstückt unbedingt weiterzuempfehlen! Allerdings sind umgerechnet sechs Euro für einen Teller Müsli kein Schnäppchen. Der Milchkaffee war leider einen Ticken zu kalt. Der frisch gepresste Orangensaft hingegen sehr frisch, intesiv-orangig und mit jeder Menge leckerem Fruchtfleisch. Die Kellnerin brauchte allerdings für die Rechnung wieder sehr lange.

Das Essen im Kadosh ist wirklich sehr lecker! Die Testerinnen haben nicht nur am Morgen hier gespeist, sondern haben sich auch das Kuchenprogramm am Nachmittag und das Essen am Abend gegönnt und sprechen eine allumfassende Empfehlung aus! Das Ambiente ist hübsch und besonders etwas für Leute, die gerne eine kleine Zeitreise in vergangene Tage machen. Es würde dem vollbesetzten Kadosh allerdings sehr gut tun noch (mindestens) eine Bedienung mehr einzustellen.

Kadosh
Shlomzion hamalca 6, Jerusalem, Israel

Tel. +97226254210
http://kadoshcafe.rest-e.co.il

  1. bestehend aus K. und Teresa []

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Schokoladniza

“Мы недосчитываемся денег!” – Unbenannte Gäste, 2011

Eigentlich heißt das Lokal Шоколадница, aber da wir[1] wissen, daß nicht mehr jeder kyrillisch lesen kann, wollten wir eine gefälligere Überschrift wählen. Das Шоколадница sieht ohnehin deutlich verwestlicht aus, keine Reste mehr davon zu sehen, daß die Caféhaus-Kette sowjetische Wurzeln hat. Auch wenn Tischlinnen fehlen, das ganze Interieur erinnert an amerikanische Ketten. Die Kellner sind jung, uniformiert, servil und zahlreich. Eine bei uns schon vergessene Frage wird beim Plazieren am Eingang gestellt: Raucher? Denn in Moskau gibt es noch Raucherbereiche, hier in der oberen Etage. So experimentierfreudig sind wir aber dann doch nicht.

Wer also vollkommen entkoffeiniert durch die Stadt läuft, kann entweder den 24-Stunden-Lieferservice nutzen oder es uns gleich tun und in eine der an jeder Straßenecke befindlichen Filialen einkehren. Wir wählen in der altehrwürdigen Ecke von Moskau – Китай-город – die Filiale vor allem wegen des Straßennamens: Солянка.

aussenansicht

Außenansicht Шоколадница.

Es gibt aber keine Soljanka, es muß erstmal ein kühles Getränk her, denn der Juli ist der heißeste Monat in Moskau. Im Шоколадница werden wir beim Durchsehen der Karte auf angenehme gefühlte zwanzig Grad runtergekühlt. naros ordert eine hausgemachte klassische Limonade: Лимонад домашний классический. Sie bewirkt einen unmittelbaren Zuckerschock, der aber durch Umrühren gemindert werden konnte.

limonade

Klassische hausgemachte Limonade, 320 ml, 199 Rubel.

Die russischen Karten zeigen eine Besonderheit: Die Getränke werden mit genauer Angabe der Milliliter versehen, das Essen wird in Gramm ausgezeichnet. Wir wollen die gereichten Mengen also nicht verschweigen. 199 Rubel sind übrigens derzeit etwa fünf Euro, also durchaus ein stolzer Preis für den gemeinen Moskauer, der durchschnittlich sechshundert Euro im Monat verdienen soll. Möglicherweise sollte man die Angaben zum Durchschnittseinkommen in Moskau aber nicht für bare Münze nehmen, denn wir beobachteten überall gut gefüllte Lokale, und aufgrund der Gespräche in russisch ist anzunehmen, daß es sich nicht um ausländische Touristen handelte.

shake

Milchshake „Süßer Traum“, 280 ml, 199 Rubel.

Aus irgendeinem nicht mehr nachvollziehbaren Grund erregt das Getränk Сладкая мечта das Interesse von 46halbe. Schon rudimentäre Russischkenntnisse zeigen, daß es sich um einen Milchshake mit Eis handeln muß, dazu getrocknete Aprikosen und Vanillesirup. Die Konsistenz des Gemischs ist dergestalt, wie man es als Kind schon haßt: voller Stücken, Krümel und nur sehr zähfließend. Das mit dem Trinkhalm ist sicher gut gemeint, erweist sich jedoch als nicht praktikabel. Die Aprikosenstücken kleben schon nach drei Millilitern fest im Halm. Aber ein Löffel tut es ja auch. Es bleibt die Frage, ob es nicht richtiger gewesen wäre, wie bei Speisen üblich eine Gramm- statt eine Milliliterangabe auf die Karte zu drucken.

blinschiki

Plinsen mit Schokolade, 180 g/15 g, 199 Rubel.

Was die dem nachmittäglichen Frühstück angemessene Nahrung betrifft, entscheiden sich naros und 46halbe unabhängig voneinander für die Блинчики „Шоколадница“, obwohl auch klassische Frühstücke im Angebot sind. Die Plinsen sehen tatsächlich aus wie auf dem Werbefoto, mit hübsch anzusehenden Schokoladenmustern, -füllung, Rosinen und Kokosraspeln. Fraglich bleibt, für welchen dieser Bestandteile die Angabe von fünfzehn Gramm gilt. Bei den Rosinen teilen sich die Meinungen der Tester, 46halbe besteht darauf, daß dies schlecht gewordene Trauben seien. Insgesamt aber können die Plinsen überzeugen und sind innerhalb weniger Minuten verzehrt.

Während wir mit russischer Popmusik bei laufenden Fernsehern beschallt werden, muß der Kaffee getestet werden. Sind hier Kurpfuscher am Werk oder echte Kaffeenerds? 46halbe bestellt einen Капучино. In westlicher Manier wird er mit Herzchen-Muster gereicht, allerdings ohne die hierzulande üblichen widerlichen Kekse und ohne Wasser. Geschmacklich erhält er eine gute Note, aber keine sehr gute.

cappuccino

Cappuccino, 250 ml, 179 Rubel.

Als wir uns dann entspannt die Rechnung geben lassen wollen, müssen wir mit Entsetzen feststellen, daß unsere Rubel knapp geworden sind. Wir sehen uns schon in einem russischen Kittchen. Doch die Frage nach der Kartenzahlung wird zum Glück bejaht. Ein bißchen Spaß soll die Kreditkartenfirma ja auch haben, wenn die anomalieerkennenden Algorithmen eine plötzliche Kartenbenutzung in Rußland detektieren. Die 975 Rubel (ohne Trinkgeld), also etwa 25 Euro, haben wir gern bezahlt.

Hingehen sollten alle, schon weil das Шоколадница in Moskau ist, und diese Stadt unbedingt eine Reise wert ist. Wir empfehlen also den Lesern die ansprechende russische Gastfreundlichkeit. Die Солянка ist übrigens unweit des Kreml und nur einen Steinwurf von dem ehemaligen Standort des berühmten Hotels Россия, das leider vor einiger Zeit abgerissen worden ist und nur noch eine große Baugrube hinterlassen hat.

Шоколадница
ул. Солянка д.1/2, 101000 Москва
Telefon: +7 495 / 628 70 11
Webseite des Шоколадница

  1. naros und 46halbe bereisen die große, weite Welt. []

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Academie der schönsten Künste

Wenn es just anfängt zu regnen, ist das doch sicher ein gutes Omen – nämlich gerade als wir[1] an der Tür der Academie der schönsten Künste standen, tröpfelte es von oben. Nicht „schönen“ wohlgemerkt, da mag sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen.

Das Interieur wirkte einladend: In dem mehrfach unterteilten Innenraum reihen sich gemütliche Sofabänke aneinander, garniert mit großen bunten Kissen. An den Wänden konnte man dutzende Bilder und Fotos betrachten, nicht selten abgebildet waren nackte, halbnackte und sich offenkundig zugetane Menschen. Eine umfangreiche Auswahl von Zeitschriften, aber leider keine Tageszeitungen, lagen bereit, um einsamen Frühstückern die Zeit zu vertreiben.

Auf einem kleinen Hinterhof gibt es einige Tische unter Sonnen- bzw. Regenschirmen. Aufgrund des Wetters verzichteten wir darauf, in Ruhe unter den Schirmen zu sitzen, und suchten uns einen Tisch drinnen. Angenehmerweise zechte die übliche Stuttgarter Landplage – der telefonierende oberhemdtragende Yuppie – woanders, so daß sich eine angenehme Frühstücksatmosphäre einstellte. Zwar saß eine anfangs fortlaufend in eines ihrer diversen Telefone plappernde Frau gegenüber, sie griff sich aber alsbald ein Buch und schwieg. Bei der Lektüre handelte es sich um ein Werk eines Bizarro-Esoterikers mit güldenem Umschlag, was uns zu abseitigen Spekulationen über den Beruf der Dame anregte. Wir verzichten hier zugunsten des Lesers auf eine genauere Erörterung.

Dann kann es ja losgehen mit der Speisenwahl. Herr Vroomfondel wählte das Bauernbrot mit Räucherlachs und Meerettich, einen Latte Macchiato und eine große Apfelschorle. Die TTL wurde mit grenzwertigen sechs Minuten gestoppt, prinzipiell war die Bedienung eher lahm, aber nicht unfreundlich. Die in der Academie kredenzte Kaffeesorte wird den fortgeschrittenen Koffein-Nerd nicht zum glückseligen Grinsen verleiten, ist jedoch im Rahmen eines Frühstücks durchaus akzeptabel.

lachsbrot

Bauernbrot mit Räucherlachs und Meerrettich: 5,90 €.

Das Bauernbrot stellte sich – leicht überraschend – als Italien-Style heraus. Es war grobporiges Weißbrot, das jedoch gut mit dem Lachs harmonierte. Der Lachs in Standard-Qualität war zu einem reichlich bemessenen Belag komponiert, der Meerettich wurde im separaten Näpfchen in ausreichender Menge gereicht. Erstaunlicherweise waren die halben Partytomaten, deren ubiquitäre Verwendung ja bei 46halbe zu einer konsequenten Abwertung in der Gesamtnote führt, aromatisch und zum Lachsbrot passend.

Das Angebot an Speisen war vielfältig, 46halbe hatte Mühe mit dem Auswählen. Das „knusprige Sandwich“ klang irgendwie gut. Dazu konnten, wie beim Bauernbrot auch, diverse Beläge ausgesucht werden. 46halbe entschied sich für die stinknormale Variante: Frischkäse und milde Salami. Es stellte sich allerdings heraus, daß es sich um eine schnöde Schrippe handelte, die allerdings tatsächlich als knusprig einzustufen war.

salamibroetchen

„Sandwich“ mit Frischkäse und Salami: 4,50 €.

Dazu wurde ein Obstsalat geordert, an dem es genau nichts zu bemängeln gab – außer vielleicht, daß Herr Vroomfondel sich mehrfach unerlaubt, aber mit großem Genuß, daran vergriff. Das spricht aber für Aussehen und Geschmack. Abweichend von den sonstigen Abläufen bestellte 46halbe dazu einen großen Milchkaffee.

obstsalat

Obstsalat: 5,50 €.

Die allgemeine Aufmerksamkeit des Personals ließ ein wenig zu wünschen übrig, es bedurfte mehrfacher Signalisierung von Nachbestell- und Zahlungsbereitschaft. Es glückte uns dann aber nach dem Verzehr doch die Bestellung eines Capuccino, der dem Milchkaffee nicht nur wie ein Ei dem anderen glich, sondern auch so schmeckte.

milchkaffee

Großer Milchkaffee für 2,90 € oder kostenloser Capuccino?

Daß man sich die Brote aus einer großen Auswahl selbst zusammenstellen kann, ist eine innovative Idee fürs Frühstück, die man bisher nur selten offeriert bekommt. Innovativ und den Gästen sehr entgegenkommend ist es aber auch, Bestelltes einfach nicht zu berechnen. Wir schwören natürlich bei unseren Mägen, dies nicht gleich beim Bezahlen bemerkt zu haben, aber auf der Rechnung fehlten 46halbes Capuccino sowie der von Herrn Vroomfondel genossene frischgepreßte Orangensaft. Vermutlich wäre uns das ohne unser Frühstücksblog niemals aufgefallen, belief sich die Rechnung doch insgesamt auf stattliche 25,20 Euro.

Hingehen sollten alle, die in entspannter Atmosphäre aus einer großen Auswahl von leckeren, frisch belegten Brötchen, Broten, Obstsalat und ähnlichem frühstücken wollen. Falsch ist man allerdings in der Academie, wenn man ein typisches Berlin-Style gemischtes Frühstück erwartet.

Academie der schönsten Künste
Charlottenstraße 5, 70182 Stuttgart
Tel. (0711) 24 24 36
Webseite

  1. Diesmal waren 46halbe und Herr Vroomfondel als Testpersonen unterwegs. []

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Casina delle Rose

„Tu si aliubi fueris, dices hic porcos coctos ambulare.“ – Petron, Satyrica 45,4

22 Grad und angenehme Sonnenstrahlen begrüßen den Besucher auf dem Weg durch den Villa Borghese[1] zum Casina delle Rose. An uns[2] vorbei kommen gutgelaunte Fußgänger, Rollschuhfahrer, Segway-Benutzer und Fahrradwanderer. Wir setzen uns auf die große Terrasse an den äußersten Rand, um den ersten Härtetest für das Servicepersonal zu proben.

casina

Außenansicht des Casina delle Rose mit Freiluftkino nebenan.

Doch es eilt sofort und mit freundlichem Lächeln eine bildhübsche Italienerin herbei und offeriert uns die Karte. Die typische Frühstücksuhrzeit am frühen Nachmittag läßt uns nach koffeinhaltigen Heißgetränken und Süßem ausschauen. 46halbe durchsucht das Eisangebot und wird fündig. Serviert wird ein köstliches, cremiges Gemisch aus Stracciatella und Vanille, das trotzdem so kalt ist, daß die Schokoladenstückchen am Löffel festfrieren. Lecker!

eis

Eis der Sorte Stracciatella-Vanille mit vernachlässigbarem Preis.

Um den Genuß zu vervollkommnen, werden ein Cappuccino und ein Eiskaffee geordert. Der Versuch, den Eiskaffee landesüblich auf italienisch zu bestellen, glückt vordergründig, denn die Nachfrage „Shakerato?“ sorgt für leichte Verwirrung. Die Kellnerin überbrückt ihr Fremdschämen äußerst professionell mit einer eindeutigen Geste, die Erleuchtung bringt: „Ja, geschüttelt! Äh, si, shakerato!“ Der Cappuccino kommt in einer besonderen Tasse mit ergonomisch wertvollem Henkel und erfreut durch den in diesem Teil der Welt durchaus üblichen guten Kaffeegeschmack. Der Eiskaffee, der hier Caffe Freddo genannt wird, aber toppt das Erlebnis angenehmer Gastronomie durch seine Optik:

eiskaffee

Cappuccino und Caffe Freddo, die ihren einzeln leider nicht mehr bekannten Preis Wert waren.

Die dunklen Applikationen an der Innenseite des Glases stellten sich als vergängliche Kunst heraus, die den rieselnden Effekt von pittoresken Schokoladenfällen hatte. Um eine lange Beschreibung kurz zu machen: Kaffee schmeckt hier einfach nach Kaffee, und die milde Temperiertheit des Getränks verleitet allzu schnell zu übereiltem Genuß.

Im Verlauf des entspannten Gesprächs über die Vorzüge mediterranen Lebens kamen die Tester übrigens überein, daß sie im Falle eines zukünftigen Umstiegs in das Spekulantengeschäft das Objekt definitiv erwerben werden. Ob wir die für römische Verhältnisse moderaten Preise beibehalten werden, wird sich allerdings erst dann zeigen: Unser Aufwand betrug inklusive eines fürstlichen, aber verdienten Trinkgeldes fünfzehn Euro.

gullideckel

Selbst die Gullideckel sind in Rom vielsagend.

Während wir das Spekulationsobjekt verließen und zu einem Spaziergang aufbrachen, fiel uns die allseits bekannte altrömische Sage des Marcus Curtius ein.[3] Der furchtlose junge Soldat adliger Herkunft schmiß sich dereinst mitsamt Harnisch und Roß in einen Erdspalt inmitten Roms, der sich zuvor als mit herkömmlichen Mitteln nicht auffüllbar erwiesen hatte. Sein selbstloses Opfer war nicht umsonst: Der Spalt schloß sich, so daß wir heutzutage fröhlich durch den Villa Borghese schlendern und dabei ansehnliche Reiterbildnisse des Herrn Martius bestaunen konnten.

Hingehen sollten alle, die erfahren wollen, was italienische Gastlichkeit praktisch bedeutet und den ansonsten durch ausgiebiges Hupen gekennzeichneten Straßenverkehr der Großstadt mal vergessen möchten. Das Casina delle Rose sollte einfach jeder Romtourist besuchen, auch wenn man gar keinen Hunger hat. Und zu Fuß sind es nur fünf Minuten zum örtlichen Segway-Vermieter.  :}

Casina delle Rose, Largo Mastroianni 1, 00197 Rom
Tel. +39 06 4201 6224

  1. Ja, wir sind im schnieken Rom, und der Villa Borghese ist der schönste und größte Park hier. []
  2. Das weitgereiste furchtlose Testteam ist heute 46halbe und naros. []
  3. Na gut, sie fiel uns durch das Blättern in römischen Stadtführern auf. []

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The White Lion

Der „White Lion“ ist malerisch in der Fußgängerzone in der James Street gelegen und lädt mit seiner viktorianischen Fassade vorbeischlendernde Touristen zum Verbleib ein. Im Innern erwartete uns[1] eine klassische Pub-Atmosphäre und ein Wirt mit dem höflichen Hinweis, das Frühstück doch im Oberstübchen einzunehmen. Nach Erklimmen der Treppe und dem Aussuchen einer gemütlichen Ecke in dem doch deutlich kompakt eingerichteten Flair belohnte uns der folgende Anblick für die Mühen.

Der White Lion von innen.

Wer es anhand des Fotos noch nicht erraten hat: Wir sind also in London. Ja, natürlich, das hier ist ein Blog über Frühstücken in Berlin, aber die Zeiten ändern sich. Nicht etwa in der Hinsicht, daß man für einen Stundenlohn nach London fliegen kann. Das geht schon lange, ist wegen der Einreiseprozeduren jedoch kaum mehr erträglich. Da aber billiges Fliegen seinem Ende entgegensieht, ist das London-Frühstück eine Art Reminiszenz an Zeiten, die vorbei sind wie die vergilbten sepiafarbenen Erinnerungen an Zuckertüten und Schulranzen.

Fanny wählte sich aus dem erlesenen Speisenangebot die „eggs benedict“ für £4,75. Voller Vorfreude erblickte sie mit staunenden Augen und wäßrigem Mund eine Augenweide von einem befüllten Teller, den ihr die freundliche, blonde und großgewachsene Kellnerin reichte. Ein Meer von Sauce Hollandaise oder auch Béchamelsauce – da ist sich die Frühstückerin uneins – ergoß sich über den Teller. Assoziationsreich zeichneten sich die pochierten Eier – zwei an der Zahl – unter der hauchzarten Pelle der Sauce ab.

Eggs Benedict

Eggs benedict für £4,75

Erwartungsgemäß dauerte das Abschöpfen der Sauce etwas, bis die ersten festen Bestandteile dieses Frühstücks zum Vorschein kamen. Die Eier lagen gebettet auf rosé gewelltem Schinken, der sich an englische Muffins anschmiegte, die wohl aus Zeitmangel nur kurz beim Toaster vorbeischauen konnten. Ein Gaumenfeuerwerk war der Haps von der perfekten Gabel, die alle Zutaten des Frühstücks enthielt. Nach ein paar Schlucken des „Pot of Tea“ (£1,35) verschlang die unsterblich in die englische „Frühstückskultur“ verliebte Fanny den Rest ihrer Eier und ließ es sich nicht nehmen, die übriggebliebenen Saucenreste mit dem schlabbrigen Toast (dazu später mehr) von erdgeist aufzunehmen und genüßlich in die Sauce zu tunken und zu warten, bis das Brot sich ganz und gar mit der Sauce aufsaugte. erdgeist hingegen probierte nur eine Gabelspitze der Sauce und verschmähte den Rest der „eggs benedict“.

Einem akuten Eiweißmangeln folgend orderte erdgeist zu seinem Latte Macchiato (£1,75) das „traditional breakfast“ für £4,95, ergänzt mit kohlenhydratgeladenen Waffeln an Ahornsirup und Bananen (£2,95). Erstaunlicherweise interpretierte die Bedienkraft die Bestellung als eine Art „Englisches Frühstück“, und als dieses nach mehreren gefühlten Wochen des Hungers eintraf, war unsere ganze Phantasie vonnöten, eine Interpretation der Einzelteile zu finden:

Das Traditionelle Frühstück

Das Traditionelle Frühstück für £4,95 mit „waffles with maple syrup & banana“ für £2,95. Wahrscheinlich nur von unerfahrenen Touristen genommen.

Die größte Herausforderung bestand in der Zuordnung des schwarzen – an verrottende Meerestiere erinnernden – Krustengnubbels, der sich nach Konsultation mehrerer pflanzenkundlicher Lexika als verbratener Champignon herausstellte. Unauffällig wurde er auf Fannys Teller bugsiert. Fanny konnte trotz des heruntergekommenen Äußeren eine gewisse Saftigkeit feststellen.

Während die zu den „eggs benedict“ gereichten Muffins wenigstens den Toaster noch aus der Ferne zu sehen bekamen, waren in erdgeists Frühstück die „Toasts“ nur höflich als komplett wärmeunbehandelte Weißbrotschlabber zu bezeichnen. Der sich an den Würstchen abzeichnende tiefschwarze Rand setzte sich (wie auch bei der Tomate) um die ganze untere Seite fort, die Spiegeleier waren ungesalzen und nicht durchgebraten, die Schinkenscheibchen wohl nur für ein winziges Sekündchen in die Mikrowelle geworfen worden.

Da die Butter auf dem warmen Teller neben warmer Tomate und heißer Wurst kredenzt wurde, hätte erdgeist sie auch trinken können. Einzig die „baked beans“ aus der Dose hielten, was Dosenbohnen eben so versprechen. Das Waffeldessert schließlich konnte den gepeinigten Gaumen kurzfristig immer wieder aus dem geschmacklichen Tiefdruckgebiet reißen. Alles in allem keine Empfehlung für kontinental verwöhnte Genießer.

Hingehen sollten alle, die hungrig aus der „tube“ stolpern und nicht aus Furcht den nächstbesten „McDonald’s“ ansteuern wollen, sondern mit dem Enthusiasmus einer frisch gegründeten „Jugend forscht“-Gruppe etwas wahrlich Englisches erleben wollen, wovon noch Jahrzehnte später den Urenkeln im Ohrensessel berichtet werden kann.

Nicht hingehen sollten alle, die hoffen, in dem hier angebotenen „traditional breakfast“ eine Englische Eßkultur zu entdecken – denen sei das Marx am Spreewaldplatz in Kreuzberg ans Herz gelegt.

The White Lion, 24 James Street, Strand, London, WC2E 8NS
Tel: +44 0872 148 2441

Info mit Außenansicht

  1. Das Frühstückskorrespondententeam setzte sich diesmal aus erdgeist und Fanny zusammen. []

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