19grams

Geht man auf der Chausseestraße in Berlin-Mitte auf das „19grams“ zu, empfängt einen unweigerlich das überdimensionale neue Gebäude des Auslandsgeheimdienstes BND mit seiner brachialen Architektur. Ob der auffällig umzäunte Geheimdienstkomplex dem „19grams“ geschäftlich guttut, wissen wir[1] natürlich nicht. Einerseits arbeiten darin fast unzählige potentielle neue Kunden mitsamt ihrer Kumpane, auch Spione aus aller Welt könnten von der Geheimdienstzentrale inmitten der Stadt angezogen sein, um die Tische vor dem Lokal zu besetzen, andererseits fühlt sich vielleicht auch der eine oder andere von der räumlichen Nähe zu den Geheimen mit dem fragwürdigen Ruf abgestoßen.

blick auf den BND

Blick vom „19grams“ auf das BND-Hauptquartier auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der erste Blick in die Karte machte sofort klar, dass hier nur eine sehr kleine Auswahl an Speisen angeboten wird. Bevor wir uns dem Aussuchen der heißen und kalten Ware näher widmeten, entdeckten wir aber ein Getränk ohne weitere Beschreibung mit dem Namen „Fountain of Youth“. Und wer wollte nicht aus dem Jungbrunnen schlürfen? Auf Nachfrage erhielten wir die Auskunft, dass es sich um Kokoswasser handeln würde. Leider war das ausverkauft, so dass ein Test unterbleiben musste und der Hipsteralarm ausblieb.

Attraktiv als Frühstück erschienen uns beiden die „Eggs Benedict“, die laryllian in der Variante mit Trüffelpilzen bestellte. Vor dem Frühstück musste für ihn allerdings erst noch das begehrte Flüssigkoffein her:

latte mit ensemble

Latte macchiato: 3,50 €.

Geschmacklich war es ein durchaus ausgewogenes Röstgetränk, nicht auffällig großartig und extravagant, aber doch befriedigend.

Schon wegen der Abwechslung hatte 46halbe ihre „Eggs Benedict“ in der Version mit Fleisch in Form von „Pork Belly“ ausgesucht. Die pochierten Eier lagerten auf einem Stück Polenta aus Maisgrieß, zumindest war das unser Geschmacksurteil nach dem Probieren. Gereicht wurde dazu ein Birnen-Chutney und salatartiges Grünzeugs mit besonderer Ästhetiknote, das wir jedoch nicht klar definieren konnten:

benedict mit pork

Eggs Benedict mit Schweinebauch für 11 €.

Das Gericht überzeugte 46halbe auf ganzer Linie. Es überraschte zudem in der Zusammenstellung, die aus der Karte so nicht ablesbar war.

Die Bedienung sprach übrigens so gut wie kein Deutsch,[2] was in Berlin-Mitte mittlerweile nichts Besonderes mehr ist. 46halbe musste sich in letzter Zeit von Zugezogenen zuweilen Beschwerden darüber anhören, dass man in Berlin kaum noch Deutsch lernen könne, da ohnehin alle Welt nur noch auf Englisch antwortet. Da dürfte was dran sein. Unsere Bedienung jedoch konnte ein deutsches Wort sehr gut aussprechen: „Langsam!“ Die gewöhnlich schnellsprechende 46halbe orderte ihre Wünsche anfangs ohne viel Rücksicht auf fremdländische Ohren, machte sich dann aber anheischig, um auch global-metropolitan verstanden zu werden.

Zwischendurch überkam uns der Gedanke, dass Bestellungen vielleicht doch nicht verstanden wurden, denn die Lieferung der Speisen und des Kaffees dauerte seine Zeit, in der wir eine gewisse Unruhe entwickelten und gar den Abtritt erforschten. Aber wie das so ist: Stehen die erhofften Getränke und die duftende Nahrung erstmal auf dem Tisch und sie schmecken obendrein, ist das vorherige Warten schnell vergessen.

Eine erste Wartezeit ergab sich übrigens schon beim Eintreten in das Lokal, da uns Gästen erst ein Tisch zugewiesen wurde. Dabei kam man nicht drumherum, das optisch ansprechend präsentierte Kuchenangebot in Augenschein zu nehmen. Wir haben es diesmal allerdings nicht getestet.

please wait to be seated

Man wird plaziert. Und man muss an der ansehnlichen Kuchenauswahl vorbei.

Statt Kuchen gab es eine weitere Eierspeise: Die von laryllian bestellte Trüffelpilz-Variante der Eier entlockte ihm Freudengeräusche. Vor allem die als überraschend, aber durchaus angenehm säuerlich beschriebenen Pilze hatten es ihm angetan und erhielten die Beschreibung „sehr, sehr lecker“. Auch optisch machte das Gericht einiges her:

ei mit trueffel

Eggs Benedict mit (verdeckten) Trüffelpilzen für 11 €.

Das ganze Gericht war eine einzige künstlerische Komposition aus Duft, Geschmack, Darbietung, Konsistenz und phantasievoller Vielgestalt, die sich im Munde vermählte, um bald glückbringend in die speiseröhrenen Flitterwochen zu entschwinden.

Ganz ohne Groll muss jedoch noch auf die Größe der Speise hingewiesen werden, die zumindest in Bezug auf laryllians Magenvolumen im Missverhältnis stand. Das „ohne Groll“ jedoch unterstreichen wir explizit, da die Qualität der Zutaten den Preis für diese Größe – zumindest gefühlt – mehr als rechtfertigte.

Es musste aber für laryllian ein weiterer Gang eingelegt werden. Interessant klang dafür der Toast, wobei eine Früchtebrot- und eine Sauerteigbrot-Variante zur Auswahl standen.

Toastbrot genießt hierzulande keinen besonders guten Ruf, obwohl es weithin gegessen wird. Ein typisches deutsches Toastbrot sieht ungefähr so aus. Nicht so die Sauerteig-Variante in unserem heutigen Testlokal, die treffender als Röststulle hätte firmieren sollen – vermutlich wars auch einfach Toast in Translation:

frucht-toast

Kein gewöhnlicher Toast: 4,50 €.

laryllian beschrieb den Geschmack des Brots als „wirklich gut“, was er durch seine teiltschechische Prägung (siehe Topinky) auch tatsächlich einzuschätzen vermochte. Er genoss eine der Stullen nur mit Butter, Salz und Pfeffer, die andere mit Butter und Konfitüre.

Um den Neid des geneigten Lesers zu kitzeln, konnten wir uns eine Detailaufnahme nicht verkneifen:

nahaufnahme toast

Toast-Porn.

Während laryllian den Toast verspeiste, wandelte sich das Frühstückslokal aufgrund der fortschreitenden Zeit langsam in ein Café, in dem immer mehr Gäste Kaffee genossen statt zu essen. Da wollten wir nicht Nachstehen:

latte

Flat White: 3,50 €, geliefert im „19grams“ mit Leitungswasser (kostenlos).

Obwohl wir jeweils gefühlt zu lange auf das flüssige Koffein gewartet hatten, musste nach dem Essen noch Nachschub in Form eines Flat White her. Für 37 Euro (ohne Trinkgeld) bekamen wir insgesamt ein uns überraschendes und köstliches Nahrungsangebot mit überdurchschnittlichen Kaffeegetränken.

Hingehen sollten alle, die bei der Kuchenauswahl auch vegane, glutenfreie und nussfreie Varianten wertschätzen und die Speisen bevorzugen, die nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich einiges hermachen.

19grams
Chaussseestraße 36, 10435 Berlin
Telefon: 030 / 28 09 99 77
Website

  1. Es genossen das Frühstück: 46halbe und laryllian. []
  2. Wir unterhielten uns beim Verlassen des Lokals ein wenig mit ihr und können das daher mit Sicherheit sagen. []

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Filed under À la carte, Mitte

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