Kuchenrausch

Der Besuch eines Frühstückslokals sollte wohlgeplant sein. Da sich nicht leugnen läßt, daß unsere[1] Laune vor dem Essen am unteren des Zivilisationslacks kratzt, sollten wir nicht mit der vollen Wucht des Zorns unseres grollenden Hungergottes einen Kiez aussuchen, dem man eh schon immer eins auswischen wollte. Auch ist es angezeigt, die ersten – noch auf dem Zahnfleisch kriechend gewonnenen – Eindrücke zu unterdrücken und sich diesen später nochmal objektiv zu nähern.

Kuchenrausch also – im Friedrichshainer Südkiez.[2] Schmuck gemacht, mit schnieke verkleideten Kellnern, vornehm hintergründigem 70er-Jahre Britpunk, später durch Chill-Funk und Dixieland abgelöst. Minimalistisches Dekor mit Blick auf die Kreuzung Boxhagener/Simon-Dach, auf dem Vorplatz gut zwei dutzend Tische, die wir aber aufgrund eines verräterischen rheumatischen Juckens in Fannys Knie Draußen-Tische sein ließen und uns im Innern ans Fenster setzten.[3] Das Panorama – ganz unvoreingenommen für die werte Leserschaft zum Selbergucken:

Schickes Ambiente im Kuchenrausch.

Angenehm fällt auf, daß das Kuchenrausch sich dem überall sonst um sich greifenden Branding-Wahn entgegenstellt und Sonnenschirme, Streichholzschachteln, Aschenbecher und Außenreklame ohne Werbeaufdrucke exponiert.[4] Es gab Wlan auf Nachfrage für umsonst und genug Steckdosen für’s hungrige Notebook. Auch die Speisekarte kommt erfrischend edel daher, kein bewußt dilettantisch gestalteter, achtfach kopierter, in Word gesetzter Schülerzeitungsbogen, sondern Elefantenhaut mit Goldprägedruck. In dessen Innern ein Angebot abwechslungsreich wie ein Ostpaket: acht verschiedene Sorten heißer Schokolade, davon fünf alkoholisch, ein kurzer Abriß über die Geschichte Boxhagens und des Boxhagener-Straßen-Kiezes von der März- über die November- bis zur Yuppierevolution.

Erdgeist wählte – für Eingeweihte völlig überraschend – das Kleine Gemischte, welches hier für den läppischen Betrag von 4,10 € gereicht wurde. Zum Tunken orderte er sich einen „caffe latte“, der von der Bedienung keck als Milchkaffee interpretiert, glücklicherweise aber doch nicht mit der „Krönung“ aus obig erwähntem Ostpaket gebrüht wurde.

Überhaupt ist die Kaffeekultur in Berlin immer wieder ein Quell für Überraschungen. Erdgeist ist ja dazu übergegangen, die von ihm benötigte Dröhnung meist als „Latte macchiato mit doppeltem Espresso drin“ zu bestellen, nur um dann belehrt zu werden, daß sowas „caffe latte“ hieße. An anderer Stelle bekam er durchaus auch Latte macchiato und einen doppelten Espresso extra, nur um wieder woanders – von einem augenscheinlich besserwisserischen Kellner – mit einem stinknormalen Latte abgespeist zu werden. Aber zurück zum Kuchenrausch, hier gab es – zumindest für erdgeist – ansprechenden Kaffee, der völlig selbstverständlich mit Wasser gereicht wurde. Ein Panoramablick auf erdgeists Frühstück:

Kleines Gemischtes (ungesüßt) für 4,10 €, links oben im Bild der lütte Brotkorb.

Ja, ihr seht richtig: Das Kleine Gemischte kam im Kuchenrausch ohne den geringsten Hauch Süßes.[5] Auch wenn der nachträgliche Blick in die Kurzbeschreibung im Menü bestätigte, daß das wohl seine Richtigkeit hat, kam der Zuckermangel doch überraschend. Selbst das Deko-Obst konnte das Wurst-Käs‘-Szenario auf dem Teller nicht auflockern. Am deprimierendsten war, nicht das geringste bißchen Material für einen fairen Tauschdeal für den vor Süßem nur so strotzenden Nachbarteller zu haben. Der Brotkorb wartete mit leckerem Walnußbrot konterkariert von zwei lapprigen Westbrötchen auf. Diese wiesen ein verräterisches Industriebackmuster an der Unterseite auf, sind wahrscheinlich nicht vom Biobäcker um die Ecke.[6]

Fanny orderte – des Preisvergleichs mit anderen Lokalen wegen – einen Latte macchiato für 2,80 € und das Süße Frühstück zu 6,50 €. Gereicht wurde ihr ein lauwarmer Eierkuchen mit einer schmackhaften Vanillequarkcreme. Dazu ein Kelch voller Joghurtfruchtspeise (dem Geschmack nach mit frisch püriertem Obst). Auch auf dem Teller: Nutella, Honig und Erdbeermarmelade und eine Obstgarnitur. Die dezent über das Frühstück verstreuten Gummibärchen empfand Fanny als verstörend, fanden jedoch als Nachtisch in erdgeist eine neue Heimat.

Das Süße Frühstück. Preis: happige 6,50 €.

Enttäuschend der Latte macchiato: Nach mehrmaligen Umrühren und einem Schluck war es geschehen. Sämtliche braune Essenz war aus dem Glas verschwunden und übrig blieb ein halbvolles Glas mit eierschalenfarbener Flüssigkeit. Mißtrauisch fing Fanny nun an, die Nachbartische mit Argwohn zu beobachten: Auch die Lattes der anderen Gäste schauten viel zu lasch aus. Wach macht sowas nicht.

Der Kurzbesuch zum Austreten führte Fanny vorbei an der Vitrine mit vielen köstlich anzuschauenden Torten und Kuchen. Diese mußten jedoch unberührt bleiben und werden an einem anderen Tag beim Kaffeekränzchen probiert. Die Toiletten sind geschmackvoll eingerichtet: Der dunkel gebeizte Dielenboden verbreitet angenehme Atmosphäre. Eine Einladung, sich gemeinsam mit der Freundin für den Tag aufzubretzeln und eine Besorgungsliste in den zahlreichen Bekleidungsgeschäften der nahegelegenen Wühlischstraße zu verfassen. Sollte jene unerwartet eher fertig sein, kann sie sich’s auf einem der Stühle im Vorraum gemütlich machen.

Gratis: Blick auf den noch trockenen Vorplatz, das edle Menü und ein Überbleibsel aus Schland[7]-Tagen: Beamer neben dem Kronleuchter.

Hingehen sollten alle die, denen der Südkiez noch nicht zum Halse raushängt, die ihre Schwiegermutter hübsch ausführen, dafür aber den Bezirk nicht verlassen wollen oder einen Laptoparbeitsplatz mit Strom und Wlan suchen.

Besser nicht hingehen sollte, wem nach günstig-üppigem Frühstück oder Wachmache-Latte verlangt und wer morgens eine bunte kulturelle Mischung braucht.

Kuchenrausch, Simon-Dach-Straße 1 (Ecke Boxhagener Straße)
Telefon: 030 / 55953855
Webpräsenz des Kuchenrauschs

  1. Das Lokal wurde durch den Besuch von Fanny und erdgeist beehrt. []
  2. Warum es im Nordkiez keine angemessene Frühstückslokation gibt, wird noch einmal Gegenstand länglicher Betrachtungen sein. []
  3. Das Knie hat nicht gelogen, keine halbe Stunde später strömten die Volksmassen – in der Montage noch gut zu sehen – in hektischer Flucht vor dem Regen ins Innere des Etablissements. []
  4. Einzige – erst post scriptum entdeckte – Ausnahme waren die Obstschorlengläser. []
  5. Gefährlich vor allem in Anbetracht der Unterzuckerung, die Kundschaft doch erst zum Frühstücken treibt. []
  6. Die Speisekarte enthält – im Gegensatz zu den den angeblich BIO-erzeugten Eiern – keine Hinweise zur Herkunft der Brötchen. []
  7. Für den Uneingeweihten: Während der EM-Übertragung in fast allen Kneipen Berlins waren (Deut)’schland-Rufe an der Tagesordnung. []

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