Zimt und Zucker

Neue Frühstücksgelegenheiten im ansonsten diesbezüglich eher verödeten Regierungsbezirk sind ja eigentlich immer ein Grund zur Freude. Wer sich nicht am Metro-Plastewurstbuffet bei den Bösen Buben[1] oder in einer der Touristenfallen um die Ständige Vertretung ernähren will, dem bleibt nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße eigentlich nur der Gang zur Butterstulle oder Monsieur Toche, beides keine klassischen „Frühstücken in Berlin„-Orte.

Daher waren die Testfrühstücker[2] hocherfreut, daß sich am Schiffbauerdamm jenseits der Touristenmeile hinter der Brücke ein neues Etablissement namens Zimt und Zucker Kaffeehaus materialisiert hatte. Touristenstrategisch günstig am Anlegesteg der Spreedampfer gelegen, lockt es auf den Dampfer Wartende förmlich an einen der mit Spreeblick gesegneten Tische.

Ein Blick in die wohlgestalte Speisekarte verhieß nur Gutes. Frühstück von halb zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends, Neulandfleisch und Bioprodukte und eine bei flüchtiger Betrachtung reichhaltige Frühstücks- und bereits heimlich probierte und für gut befundene Kuchenauswahl versetzte uns in frohe Erwartung. Angesichts der erst fünf Tage zurückliegenden Eröffnung des Zimt und Zucker waren die Tester bereit, kleine Mängel nicht zu hart ins Gewicht fallen zu lassen. Ein Vorsatz, der leider etwas arg strapaziert wurde.

Das Zimt und Zucker von außen.  

Außenansicht des Zimt und Zucker.

Seiner Tradition gemäß suchte sich erdgeist ein Frühstück aus, welches sich einem Kleinen Gemischten am ähnlichsten liest. Wurst und Käse waren auf der Karte brav getrennt, deshalb entschied er sich für das mit 5,90 € veranschlagte Frühstück „Blues“, welches mit „internationalen Wurstvariationen“[3], frischem Obst, Konfitüre und einem kleinen Brotkorb daherkommt. Aus der weißen Gewinnpalette gab es – wegen des Ortsnamens – einen Milchreis mit Zucker und Zimt (zierliche 3,80 €). Abgerundet sollte das Mahl mit einen Latte macchiato für stolze 2,90 € in 0,25 l werden, auf der Rechnung – in weiser Voraussicht ja doppelt bestellt – nochmal 1,80 € Aufschlag für den Extra-Shot Espresso.

Frühstück Blues  

Wurst. Das Frühstück „Blues“ für 5,90 €. Rechts unten lukt der Milchreis (Preis: 3,80 €) ins Bild.

Die Bedienung, die sich in ihrer Verkleidung sichtlich unwohl und in den Stiefelettchen latent unsicher fühlte, kredenzte dann auch ein verblüffendes Zwitterwesen aus zwei leckeren Bäckerschrippen und einem seelenlosen Heißluftofenbrötchen, hauchzartem Schinken vom Biofleischer und Bierschinken, der genausogut auch hätte vom Spar kommen können, dazu Obstersatz. Der Milchreis sah reichlich aus, stellte sich aber als zu süß und eher verkocht-matschig heraus.

Frank wählte einer Laune folgend den „Quickstep“-Quark mit Früchten zu 3,90 €, kombiniert mit dem „Slowfox“, bestehend aus zwei Spiegeleiern auf Vollkornbrot für 3,60 €, dazu ein Kännchen Assam-Tee mit Honig. Lisa beließ es bei einem Milchkaffee für 2,90 €, es war wohl noch zu früh.

Der Früchtequark basierte zwar auf einem wohlschmeckenden Vanillequark, wurde jedoch ganz offensichtlich von jemandem konzipiert, der selbst nie Quark mit Früchten verzehrt. Das infernalische Dekofruchttrio Johannisbeeren am Stengel, Sternfruchtscheibe mit Schale und Physalis mit Blättern in den Quark gedrückt – ohne einen Gedanken an die Verzehrbarkeit der Komposition – schmälerte den portionsmäßig ohnehin eher übersichtlichen Genuß deutlich.

Die Slowfox-Spiegeleier waren wohlgeraten, das Brot lecker und die Eier korrekt gebraten. Der beiligende Grünkram war leider nicht wirklich abgewaschen und blieb deshalb vom Verzehr verschont.

Slowfox und Quickstep

Links im Bild: Frühstück „Slow Fox“ für 3,60 €, rechts „Quickstep“-Quark für 3,90 €

Die erste Meßgröße für die objektive Beurteilung eines Frühstücks – zu dem man sich ja meist hungrig, dekoffeiniert und leicht angeknurrt versammelt – ist die TTL (Time To Latte) bzw. TTT (Time To Tea). Erscheint die ersehnte Lebensenergieinfusion schnell, wohlschmeckend und heiß, hat der Tag Struktur und das Frühstück bekommt den richtigen Schwung. 

Das Zimt und Zucker versagte hier leider mit grenzwertigen elf Minuten TTL und indiskutablen 18 Minuten TTT. Der gelieferte Tee war dann ein Ceylon statt des gewünschten Assam, aber das war dann auch schon egal. Immerhin wurde der begehrte Honig dazu nicht vergessen. Das Frühstück selbst traf erst dreißig Minuten nach der Bestellung ein, die Tester schlugen währenddessen in einem ausgiebigen Massaker Wespen und Zeit tot. Hinzu kamen handwerkliche und strukturelle Schwächen, die von sandigem Salat über Eierschalensplitter im Spiegelei bis zu Milchreis mit angebrannten Stückchen reichten. Auch Details, die man in Kaffeehäusern erwarten würde, wie z. B. ein Glas Wasser zum Kaffee oder auch nur ein Löffelchen für den Tee, blieben schmerzlich vermißt. Die Qualität des Kaffees wurde von Lisa mit einer nicht zitierfähigen Analogie beschrieben, die vornehm übersetzt einen dringenden Ratschlag zum sofortigen Wechsel der Kaffeesorte und einem Grundkurs in Espressomaschinenbedienung[4] enthielt.

Personal

Umsonst: Bedienung in einer Show in Kleidchen, Stiefelchen und Tiefflug.

Die Tester waren insgesamt eher nicht besonders froh, und das trotz der eingangs erwähnten Bereitschaft zur Toleranz ob der kurzen Übungszeit für das Personal. Das Zimt und Zucker macht den Eindruck einer guten Idee, die leider derzeit an der Umsetzung deutlich scheitert. Wenn der in der Speisekarte manifestierte Anspruch tatsächlich realisiert würde, wäre das „Kaffeehaus“ eine echte Bereicherung für die Gegend. Daher entschlossen sich die Tester in der Hoffnung, daß sich bis dahin die erheblichen Unschönheiten behoben haben, in angemessener Frist einen erneuten Versuch zu wagen. Das Kuchenangebot ist immerhin durchaus ansprechend und wohlschmeckend, und es wurde die Anwesenheit eines Gäste-Wlans detektiert. Das Personal war sichtlich bemüht und fragte mehrfach nach dem werten Befinden, war aber der Herausforderung offensichtlich (noch) nicht gewachsen.

Ausblick aus dem Zimt und Zucker

Auch umsonst: Ausblick aus dem Innern des Zimt und Zucker über die Straße auf die Dampferanlegestelle.

Hingehen sollten alle Menschen, die in dieser Gegend keine Frühstücksalternative finden können und bereit sind, einen hoffentlich stattfindenden Lernprozeß zu befördern. Wer nur beim Kuchen Dampfer gucken und Schiffsdieselschornsteingeruch schnuppern möchte, ist ebenfalls nicht schlecht bedient.

Zimt und Zucker, Schiffbauerdamm 12
Tel. 030 / 810 10 858
Das Zimt und Zucker im Internet
 

  1. Die Böse Buben Bar befindet sich in der Marienstraße 18. []
  2. In kulinarischer Mission waren heute frank, lisa und erdgeist unterwegs. []
  3. Und das in der Metropole des Weltwurstlands. []
  4. Besser: komplette Barista-Ausbildung []

1 Comment

Filed under À la carte, Mitte, Netz: Gratis

One Response to Zimt und Zucker

  1. Waren heute, an unserem Hochzeitstag hier zum Frühstücken.
    Beide Frühstücke waren ausreichend portioniert und, inclusive Brötchen, lecker….ABER
    der Laden hat aus meiner Sicht (mittlerweile enthusiatischer Catering „Fachmann“) ein gewaltiges Hygieneproblem!!!Wie kann denn die Bedienung den zum Kaffee“personal“ gehörenden kleinen Hund (unsauber ) streicheln und bespielen und direkt danch…““OHNE““ Händewaschen ans Geschirr gehen, Kaffee kochen, Besteck nachlegen, Tisch decken???Diese Dame geht zudem regelmäßig in den Küchenbereich?! Guten Appetit!(Bin Kein Hundehasser!)

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