Esquina

Für viele Zugezogene hält Berlin seinen sehr eigenen Charme parat, der vordergründig als schroff oder gar unhöflich interpretiert werden kann. Der Alteingesessene hingegen erlebt die „neue westdeutsche Freundlichkeit“ mit dem Ami-Lächeln, der man dank der ebenfalls zugezogenen Neu-Berliner Bedienungen nur allzuoft beim Frühstücken begegnet, als verstörend.

Man wird also meistens hinreichend nett empfangen in Berlin, zumindest wenn man sich nicht als meckernder, dauerschlechtgelaunter Gast outet. Freundliche Bedienung ist – entgegen anderslautender Vorurteile – durchaus Standard in der ehemaligen Mauerstadt. Was uns aber im Esquina entgegenschlug, war gradezu Herzenswärme und Frohsinn plus original Berliner Charme: „Lust uff Kaffe?“

Ein Blick auf die Speisekarte überraschte auch positiv: Es gibt ja so Frühstücke, die sich zwar prima auf der Karte lesen, aber niemals von jemandem bestellt werden, etwa ein „Bordsteinschwalbenfrühstück“, wo ein Whiskey und eine Zigarette1 serviert werden. Oder Tomatenfrühstück. Solche neumodischen Karteileichen kamen uns2 im Esquina3 nicht unter die Augen. Und unter uns: Frühmorgens bleibt auch der leckerste Whiskey ein Ladenhüter.

Alten Traditionen folgend ordert 46halbe einen ausgesprochen gutschmeckenden und einladend aussehenden Latte macchiato (2,60 Euro). erdgeist ist eher einer von diesen Vieltrinkern, der immer möglichst große Abfüllungen an Flüssigem bestellt, diesmal eine Riesen-Apfelschorle (0,4 l für 2,90 Euro).

Es ist ja übrigens eine schlimme Krankheit, das mit dem Vieltrinken. Kann sich jemand erinnern, daß die Leute vor ein paar Jahren auch schon permanent mit Wasserflaschen oder sonstwie Trinkbarem am Hals durch die Gegend rannten? Wenn man heute mal an beliebigen Orten rumsitzt und Menschen beobachtet, so fällt auf, daß offenbar alle dem Trinkwahn verfallen sind. 46halbe glaubt ja fest, daß hier die Getränkemafia gemeinsam mit den Gesundheitsaposteln ganze Arbeit geleistet hat.

Riesenbrotkorb

Riesenbrotkorb: war dabei.

Da zur vollständigen Bewertung mindestens ein Standardfrühstück gehört, erdgeist aber doch eher Lust auf gesunde Eiweiße zur Abwehr der in Berlin umgehenden Influenza-Welle hatte, schlug 46halbe mit einem kleinen gemischten Frühstück zu. Keine Minute später landete ein Riesenbrotkorb auf unserem Tisch. Zwar waren die Brötchen geschmacklich nur so lala, dafür gab es aber mehrere Sorten zur Auswahl sowie ein paar echte Berliner Stullen. Nachdem wir kurz die Anzahl der Brötchen und Stullen durch die Anzahl der Frühstücker (2) dividiert hatten, mußten wir uns anstrengen, den Platz im Magen optimal auszunutzen.

Kleines gemischtes Frühstück

Kleines gemischtes Frühstück (3,90 Euro)

Das kleine gemischte Frühstück war ganz schön groß. Es gab Obst, Käse, Marmelade, Salatdeko, Butter und Nutella. Der Camembert, den 46halbe nicht goutierte, blieb am Ende allein zurück. Die verschiedenen Wurstsorten hatten allerdings entlarvende Packungsmuster, die wir als Beweis für die Nachwelt hier dokumentieren.

Packungsmuster

Entlarvende Packungsmuster

Das Ergebnis der Diskussion, inwiefern der kredenzte Aufschnitt frisch sein muß, endete in folgendem Konsens: Wir sind nicht allzu pingelig, denn für 3,90 Euro erwartet man schließlich keine frisch servierten Hummerschwänzchen. erdgeist bekam das Rührei mit Speck und zeigte sich ebenfalls zufrieden. Er bemerkte ein Detail, das auf aufmerksame Küchenarbeit hinwies: Es war Zitrone auf die Äpfel geträufelt, damit sie nicht vor den Augen des Gastes braun werden. Solch Nettigkeit erfreut den geneigten Restauranttester doch immer.

Rührei

Rührei mit Speck (3,50 Euro) plus 50 Cent für Extra-Speck

Zum Abschluß gab es noch zwei Espressi mit Leitungswasser (für je 1,50 Euro), die das Frühstück zu einer runden Sache machten. Da störte auch die seltsame Musik nicht mehr, die erdgeist an Absolventenjahrgangstreffen erinnerte, von denen er aber nicht sagen konnte, zu welchem Jahr sie gehören. Für zusammen nur 16.40 Euro waren wir pappesatt und froh.

Hingehen sollten alle, die nichts Außergewöhnliches am Morgen erwarten, aber ein solides Berliner Lokal mit bemerkenswertem Preis-Leistungs-Verhältnis und ohne Zweifel freundlicher Bedienung mögen.

Esquina
Danziger Straße 35
, Ecke Dunckerstraße
Telefon: 030 / 442 71 26
www.cafe-esquina.de

  1. Naja, Rauchen in Gaststätten ist ja ohnehin in Berlin mittlerweile nicht mehr erlaubt. []
  2. Diesmal Expertenfrühstück mit erdgeist und 46halbe. []
  3. Esquina: spanisch für Ecke. []

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Filed under À la carte, Prenzlauer Berg

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